Alfons Zeh
aus Lagowitz / Kreis Mesewitz / Obrawalde (Neumark)
Jahrgang 1938

Bis ich sechs dreiviertel war, lebten meine Familie und ich in Lagowitz. Lagowitz war ein Dorf mit nur einer durchgehenden Straße. Hier lebten weniger als 200 Leute. Ich ging in den Vorschulkindergarten bis in der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945 die russische Front bei uns war. Niemand durfte das Dorf vorher verlassen, wir mussten ausharren. Der Ortsgruppenleiter hatte sogar noch 1944 zwei Panzersperren oberhalb und unterhalb des Dorfes errichten lassen. In die obere fuhr ein russischer Panzer, wobei sich ein Schuss löste, der in unser Nachbarhaus einschlug. Der Giebel war völlig zerstört und die Wand durchlöchert.

Die Russen trieben die Bevölkerung nach oben und nach unten aus dem Dorf, weil sie bei der Durchsuchung des Dorfes noch drei deutsche Soldaten aufgefunden hatten. Wir standen alle auf einem Feld, wie lange, kann keiner sagen. Aber es war Winter, so 14-15Grad minus und 30-35cm Schnee. Bei der Erschießung der deutschen Soldaten mussten alle zuschauen. Dann durften wir nicht mehr ins Dorf hinein, sondern sind über Wiesen, Äcker und Gräben. Die Männer, mein Vater war auch dabei, suchten nach einem Übergang, den sie dann in dem Vorfluter fanden. Wir brachen eine Scheune von hinten auf und sind dort hinein, das halbe Dorf. Wir hatten nichts weiter, als das, was wir anhatten. In der Scheune verbrachten wir die Nacht. Am Morgen hörten die Männer das Vieh schreien. Während der Bauernhof und das Dorf leer waren, war aber das Vieh zurückgelassen worden. Also wurden die Kühe gemolken, Mehl war noch gefunden worden und alles kam in einen großen Waschkessel. Das war unsere erste Mahlzeit, so eine Milchmehlsuppe. An diesem Morgen sagte mein Vater zu meinem Bruder: „Junge, ich gratuliere dir zu deinem zehnte Geburtstag. Den wirst du dein ganzes Leben nicht vergessen.“

Das war gleichzeitig der Tag, an dem die noch arbeitsfähigen Männer verschleppt wurden. Mein Vater war 39, hatte verkrüppelte Hände und einen schweren Herzfehler, aber er und weiter vier Männer aus Lagowitz wurden genauso verschleppt wie Männer aus dem Nachbardorf. Der Nachbar konnte uns später berichten, dass mein Vater tot war. Er gab sogar darüber eine eidesstattliche Erklärung ab.

Einen Tag vor unserer Vertreibung hatten wir noch eine Einquartierung, einen Mann mit Frau und Kind und einem lahmenden Pferd. Der Mann muss bei der SS, SA oder so was gewesen sein, zumindest wusste er, was auf ihn zukommt. Uns wurde später erzählt, dass er und sein Sohn sich in der Scheune erhängten. Mein Vater hat die Leichen in der Scheune unter einem Strohhaufen eingebuddelt. Es war die einzige fast frostfreie Stelle. Die Frau hat dann bis zum Sommer, solange blieben wir im Dorf, zwei Gräber angelegt.

Es war der 24. Juni, Johannistag. Unsere Johanniskirche war schön geschmückt, wir feierten in der Kirche. Am nächsten Tag ging ein Pole mit einer Glocke durchs Dorf und verkündete, dass alle Deutschen innerhalb von zwei Stunden mit 20 Pfund Handgepäck das Dorf zu verlassen hätten. Alte, Schwerkranke und Kleinstkinder sollten gefahren werden. Mein Großvater blieb mit seinem kleinen Köfferchen vor dem Haus sitzen, das ist meine letzte Erinnerung an ihn. Wir erfuhren später, dass er in einem Massengrab bei Eberswalde liegt. Wie er da hingekommen ist, weiß keiner. Er soll mit der Karre unterwegs gewesen sein.

Meine Mutter hatte unseren Kinderwagen voll gepackt mit Weizen, Schmalz, einem Buttertopf und anderen Lebensmitteln. Dazu kamen die Betten für jedes Kind. Dafür bewundere ich sie heute noch, jeder von uns, egal wo wir waren, hatte ein Federbett und ein Kopfkissen. Das wurde in einen Sack gesteckt und zur Nacht herausgeholt. Die Kleidung wurde ja nicht ausgezogen und wo Wasser war, haben wir uns gewaschen.

Die Fluchtrouten waren vorgeschrieben. Solang man sehen konnte, immer die Strasse entlang. Die erste Nacht haben wir im Straßengraben verbracht. Nach der ersten Station trafen wir auf meine Tante, die Schwester meiner Mutter. Bei Gartz sind wir dann über die Oder. Die festen Brücken in Frankfurt und Küstrin waren gesprengt. So sind wir über die Notbrücke. Diese Brücke schwankte schon so sehr, dass der Posten genau vor meiner Mutter absperrte. Meine Tante, mein Bruder und ich waren schon auf der anderen Seite. Solche Momente machten Angst und brennen sich ein.

Der nächste Ort hieß Reitwein und hier waren, ich weiß nicht, tausende von Menschen. Hier durfte man zum ersten Mal selbst entscheiden, ob man allein weitergeht. Unser Ziel war Berlin, Berlin-Kaulsdorf. Dort lebten meine Tante und mein Onkel. In ihrer Gartenlaube mit Herd und Ofen lebten wir eine Woche. Das Problem war, das wir keinen Zuzug bekamen und damit auch keine Lebensmittelkarten. Es hieß für den Kreis Meseritz ist die Ost- und Westprignitz Auffangkreis und dann sind wir mit dem Zug zum Lehrter Bahnhof und nach Kyritz. Wir haben drei Tage im Kartoffelbunker gelebt mit zirka 150 Menschen. Es gab drei Latrinen und einmal am Tag kam eine Gulaschkanone. Nach zwei Tagen ging es dann nach Tornow, dann nach Rehfeldt. Dort sollten wir uns in drei Gruppen teilen, um in die nahe gelegenen Dörfer verteilt zu werden, Wilhelmsgrille und Klosdorf. Wir kamen nach Klosdorf in die Schnitterkaserne, mit noch drei Familien. zwei kleinere Zimmer und ein größeres. Hier schliefen wir auf blankem Stroh, ohne Mobiliar. Am nächsten Tag kam der Verwalter des Dorfes und brachte im Pergamentpapier Kartoffeln, Salz und Schmalz. Es war Erntezeit und Tante und Mutter gingen in die Ernte, um uns durchbringen zu können.

Am 1. September 1945 bin ich eingeschult worden, barfuss, die Schuhe waren inzwischen zu klein. Meine Tasche war aus einem Sack gemacht und die Schiefertafel hatte mein Onkel aus Schiefer der Haltestelle hergestellt. Wir waren acht Jungs in der Klasse, es waren nur drei Einheimische, die anderen waren Flüchtlinge und Vertriebene. Wie viele wir insgesamt waren, weiß ich nicht, 1. - 4. Klasse in einem Raum. Ab 1949 bin ich dann nach Kyritz in die Jahnschule.

Wie habe ich die Aufnahme erlebt? Ich bin betteln gegangen, klaute Obst, war ein Junge durch und durch. So manch einer hat uns nichts gegeben, uns davon gejagt, andere waren netter.

Wann bin ich hier angekommen? Wir haben uns durchgesetzt, das musste sein, aber angekommen? Es hat über zehn Jahre gedauert. Wir wurden immer wieder beleidigt und waren die Fremden.

Seit zwölf Jahren fahre ich jährlich in die Heimat. Das erste Mal war ich 1978 in Lagowitz. Der alte Herr zeigte mir alles, zeigte mir das gesamte Grundstück. Ich erkannte sogar mein Kinderbett in der Küche. Sie fanden auch die unter den Dielen versteckte Uhr (Regulator), die er mir auch zeigte. Der alte Herr war sehr gastfreundlich, sprach auch ein wenig deutsch und wir verstanden uns gut.
Meine Mutter war 1965 das erste Mal dort und sie haben gemeinsam unsere vergrabene Truhe gefunden. Daraus nahm sie sich eine Tasse, eine Untertasse und einen Teller mit, mehr wollte sie nicht. 1965 gab es sogar noch die zwei Gräber, die 1945 angelegt wurden. Sie wurden durch die polnischen Bewohner weiter gepflegt.

1956 unterschrieb ich den Lehrvertrag als Schuster, habe meinen Meister gemacht und erst vor zehn Jahren das Gewerbe abgemeldet.

Gern fahre ich in die Heimat, aber zurück möchte keiner mehr.

Das Interview führte Dagmar Jurat