Asef Nakawi

24 Jahre alt
aus Razni (Afghanistan)

Ich bin in Jaghori aufgewachsen. Das ist eine wirtschaftlich bedeutende Stadt mit etwa 600 000 Einwohnern. Sie liegt im Hochland. Die Hauptquelle für Nahrung und Einkommen ist hier die Landwirtschaft. Meine Familie, das sind meine Eltern, mein Großvater, zwei Brüder (32, 16) und eine Schwester (19). Wir wohnten in einem großen Haus mit einer Gärtnerei. Mein Vater ist Gärtner und meine Mutter Hausfrau. Auch ich habe oft auf dem Feld und im Haus geholfen.

Ich besuchte die Schule bis zur 10. Klasse. Mit 17 Jahren beendete ich sie und ging, als ich volljährig war, für 18 Monate freiwillig zur Armee nach Kabul. Unsere Hauptstadt liegt etwa 400 Kilometer entfernt. Inzwischen war Krieg und die Taliban herrschten in unserer Gegend. Sie hatten die Schulen geschlossen und einige Dörfer eingenommen. Ein normales Leben gab es nicht mehr.

Eines Tages, ich war mit drei Freunden auf dem Weg von Kabul in mein Heimatdorf, wurde unser Auto gestoppt. Wir wurden gefragt, ob wir in der Armee seien, was wir natürlich verneinten. Dieses Ausfragen ging lange hin und her. Wir verneinten immer wieder. Auf einmal nahm der Mann meine Kopfbedeckung, ein gebundenes Tuch, ab und sah meine kurz geschorenen Haare. Das war ein Beweis dafür, dass wir in der Armee waren. Ich musste meine Jacke und mein Hemd ausziehen und er sah Gewehrabdrücke in der Schulter. Wir wurden alle vier gefangen genommen, die Augen wurden uns verbunden und man lud uns auf ein Auto. Nach Stunden, ich weiß nicht mehr, wie lange wir fuhren, hielten wir in einem Bergdorf an. Man schmiss uns aus dem Auto, trat nach uns mit Füssen und nahm uns die Augenbinden ab. Jetzt sahen wir, wo wir waren. Es gab hier nur die Taliban, keine anderen Bewohner. Uns war klar, sie werden uns töten! Zwei Monate waren wir dort gefangen. Essen gab es höchstens einmal am Tag ein kleines Stück Brot, genauso wenig zu trinken. Ich bin schon dünn, aber dort bin ich so abgemagert. Ich hatte keine Kraft mehr. Nachts ließ man uns nicht schlafen. Alle 30 Minuten kam eine Person und weckte uns immer wieder, stieß uns mit der Kalaschnikow, schlug uns. Ich betete jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde zu Gott um Hilfe.

Uns wurde klar, wir müssen hier weg. Mein Freund war stärker und hatte auch einen Plan. An einem Morgen, so gegen 5.00 Uhr oder 6.00 Uhr als der Posten kam, versetzte mein Freund ihm einen Faustschlag, stieß ihn zu Boden und nahm ihm das Gewehr ab. Er setzte an und erschoss den Taliban. Wir rannten in völliger Panik los. Natürlich hatten die anderen Taliban das gehört. Es waren etwa 15 bis 20 Männer, mit denen wir es jetzt zu tun hatten. Das dauerte zirka eine halbe Stunde. Wir rannten, rannten, rannten. Sie schossen auf uns und verfolgten uns. Es waren etwa zwei bis drei Kilometer Hügel und Berge, die wir hinter uns gebracht hatten. Wir schafften es bis zu einem großen Gebirgszug und konnten dort verschwinden. Aber auch hier waren viele Bergdörfer mit den Taliban bevölkert oder viele Bewohner hatten Angst vor ihnen. Die Taliban verfolgten uns immer noch, verständigten sich per Funk und so passierte es, dass einer meiner Freunde erschossen wurde. Wir anderen drei gelangten zu einer Moschee, in der wir ein wenig Ruhe fanden. Man gab uns zu essen, zu trinken und saubere Kleidung. Am nächsten Morgen kam der Dorfälteste und fragte uns aus. Er glaubte nicht, dass wir in der Armee waren, er dachte, wir seien Spitzel der Taliban und befahl uns, das Dorf zu verlassen. Was sollten wir tun, wir mussten gehen. Wohin? Wir kannten uns dort nicht aus. Also gingen wir zurück.

Es dauerte zwei Tage bis ich mein Heimatdorf erreichte. Ich war so froh, die Straßen, die Geschäfte, die Leute wieder zuerkennen. Das war mein Dorf, meine Heimat, meine Freunde. Ich erzählte, was mir passiert war und mein Vater meinte, ich müsse sofort zur Polizei gehen. Nein, das ging auf keinen Fall. Unsere Polizei ist korrupt und arbeitet teilweise mit den Taliban zusammen. Also entschied mein Vater: „Dann gehen wir alle.“ „ Wohin?“ „Nach Pakistan.“

Wir fuhren in unserem kleinen Auto mehr als zwölf Stunden bis nach Pakistan, das sind ungefähr 1500 Kilometer. Dort mietete mein Vater ein kleines Haus an. Ich wollte eigentlich nie nach Pakistan, eigentlich wollte ich in meine Heimat zurück oder irgendwo anders hin. Ich blieb ein Jahr. Dann war für mich klar: „Ich gehe!“ Natürlich hatte ich auch Angst, aber nicht soviel wie mein Vater. Ich wäre für Afghanistan gestorben, hätte es etwas genützt. Ich ging noch mal zurück nach Kabul für fünf bis sechs Monate, verkaufte das Auto und holte mein Erspartes vom Konto, ungefähr 2000 afghanische Rupien.

Dann begann meine Odyssee. Ich ging in den Iran für zwei bis drei Monate, anschließend für zwei Wochen in die Türkei. Hier verlangte fast jeder Geld, wofür auch immer. Es war wahnsinnig teuer und in Istanbul konnte ich nicht länger bleiben. Was bleibt einem übrig? Ich bezahlte einen Schlepper und überquerte das Mittelmeer in einem völlig überfüllten Boot. Ausgelegt für zehn Leute, waren dort 40 oder 50 Leute drin. Frauen weinten, Kinder haben fürchterlich geschrien, die meisten konnten nicht schwimmen. Ich kann zwar ein bisschen schwimmen, aber im diesem Meer auf keinen Fall. Auf dieser „Überfahrt“ verlor ich alles, meinen Rucksack, mein Handy, meine Jacke, ich hatte nur noch mein Geld am Körper. Nach sieben Stunden voller Angst landeten wir auf Lesbos und kamen in ein Flüchtlingscamp. Auf dieser Insel waren die Menschen freundlich. Sie gaben uns Essen, Kleidung, Schuhe. Zwei Tage später erhielten wir Tickets für die Fahrt nach Athen, wo ich im Viktoriapark unter freiem Himmel schlief. Was sollte ich hier machen? Es gab keine Arbeit.

Es begann der Marsch nach Mazedonien, Serbien, durch die Slowakei, über Ungarn nach Österreich. Mit Bussen wurden wir an die deutsche Grenze gebracht und fuhren mit dem Zug nach München. Hier lächelten die Menschen uns an und hießen uns willkommen. Dieser Irrweg hat insgesamt zwei Monate gedauert und kostete mich ca. 7000 €. In München wurden mir die Fingerabdrücke genommen und weiter wurden wir nach Eisenhüttenstadt gefahren. Mein erster Eindruck? Bloß weg, hier wollte ich nicht bleiben. Ich hatte von Finnland, Schweden, Belgien gehört. Aber ich hatte einen Freund gefunden und so blieben wir. Nach 26 Tagen im Erstaufnahmelager bekam ich die Zuweisung nach Oranienburg, nach Lehnitz. Hier wohne ich seit einem Jahr im Heim. Ich lernte von Beginn an Deutsch und habe ein Asyl für drei Jahre. Im Augenblick suche ich eine Wohnung, aber das ist sehr schwer. Ich möchte weiter lernen, eine Ausbildung machen, sehr gern im Handwerk. Ich möchte hier meine Zukunft gestalten.

Die meiste Angst hatte ich auf der Flucht zwischen dem Iran und der Türkei. Auf beiden Seiten sind die Posten aufmunitioniert und die Iraner schießen in die flüchtende Menschenmenge. Wir gingen nachts und versuchten am Tag zu schlafen, wenn es ging im Schutz des Waldes. Aber auch hier hatten viele eine Pistole oder lange Messer. Man wusste nie, woran man war. Es war ein ständiges Gefühl der Angst. Ich habe Tote und das Töten gesehen. Dieses Gefühl der Angst und Panik habe ich bis heute und ich bin in psychologischer Behandlung. Ich werde diese Angst und diese Bilder nicht los.

Gern würde ich in die Heimat zurück, aber wann hört dieser Krieg auf? Der Krieg ist für mich ein religiöses Problem. Auch, wenn der Krieg eines Tages zu Ende ist, werden die Taliban nicht verschwinden. Ich bin zutiefst überzeugt, dass alle Menschen gleich sind, aber die Taliban lehren, wenn du einen Europäer oder Christen tötest, dann kommst du ins Paradies. Ich bin Moslem, aber daran glaube ich nicht. Das kann man nicht lehren.

Meine Familie? Ich sah sie drei Jahre nicht mehr. Mein Vater und mein Bruder sind in Australien. Meine Mutter, meine Schwester und mein jüngerer Bruder sind in Pakistan. Die Internetverbindungen sind oft schlecht, so dass wir uns vielleicht ein bis zweimal im Monat sprechen. Meine Freunde? Ein Freund wurde von den Taliban getötet. Ein zweiter Freund ist in der afghanischen Armee in Kabul. Einen dritten Freund habe ich durch Zufall vor zwei Monaten in Facebook entdeckt. Er lebt in Belgien und ihm geht es gut. Wir haben inzwischen regelmäßigen Kontakt.

Interview geführt von Jason Heldt und Dagmar Jurat