Bärbel Krumm
Jahrgang 1945
aus Worfengrund / Ostpreußen

Ich komme aus Worfengrund, einem kleinen Dorf in Ostpreußen (Masuren). Mein Name ist Bärbel Krumm, geb. Sadlowski, und ich wurde im Februar 1945 in unserem Haus in Worfengrund geboren.
Heute bin ich verwitwet, habe verheiratete Kinder und neun Enkelkinder.

Kindheit und Jugend

Das Dorf, aus dem ich komme, bestand aus 13 Familien. Unserer Familie gehörte ein Wohnhaus mit Bauernhof - Landwirtschaft, Kühe, Gänse und einer Pferdezucht. Dort lebten mein Urgroßvater, meine Großeltern mit zwei Töchtern, meine Eltern, die im Dezember 1943 geheiratet hatten und der Zwangsarbeiter Bolek aus Polen. Der Bolek wurde gut versorgt und durfte mit uns am Tisch essen. Das war eigentlich verboten. Aber er gehörte ja irgendwie dazu. Mein Vater und mein Großvater waren im Krieg. So mussten die Frauen gemeinsam mit Bolek den Hof bewirtschaften.

Die Flucht

Als die Front der Russen immer näher rückte, erhielt unser Dorf die Erlaubnis zu fliehen So ist die Familie am 20. Januar 1945 auf die Flucht gegangen. Wer vorher losgezogen wäre, wäre sicherlich erschossen worden. Der Bolek hatte sich entschieden, mitzugehen, obwohl das gefährlich für ihn war. Er sagte: „Bei euch geht es mir gut und ich lasse euch nicht alleine, ich gehe mit auf die Flucht“. So zogen sie los, meine Großmutter, mein Urgroßvater, meine zwei Tanten und meine Mutter, die mit mir schwanger war.

Die Flucht begann um 22.00 Uhr abends mit einem Planwagen. Sie fuhren bis Ortelsburg. Die Straße führte direkt durch ein großes Sägewerk, das in Flammen stand. Die Pferde hatten Angst vor dem Feuer und standen auf zwei Beinen. Aber es half nichts. Der Bolek sagte: „Da müssen wir durch!“ Sie haben es geschafft und fuhren weiter bis Rössel, das etwa 100 Kilometer entfernt war. Unterwegs haben sich grauenvolle Dinge ereignet. Man hat Frauen mit Babys gesehen, die geboren wurden und nach zwei Stunden schon erfroren waren. Sie wurden einfach in den Schnee gelegt und die Fahrt ging weiter. Was diese Mütter mitgemacht haben!

Sie sind bis Rössel geflüchtet, aber meine Großmutter wollte unbedingt wieder nach Hause. Es war offensichtlich, dass die Geburt nicht mehr lange dauern würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Front sie schon überrollt. Es war klar, dass man hier in der Fremde als junge Frau verraten oder nach Sibirien verschleppt werden könnte. Da entschied Bolek: „ Wir müssen auf dem schnellsten Weg wieder nach Hause fahren. Dort habt ihr Schutz in eurem Versteck.“

Der Rückweg war nicht leichter. Sie sahen viele schlimme Dinge und bestanden gefährliche Situationen. Im Februar kam meine Familie wieder in Worfengrund an. Schon unterwegs setzten bei meiner Mutter die Wehen ein. Im Haus war vieles zerschlagen worden, es war kalt und die Fenster waren zugefroren. Meine Großmutter wusste, was zu tun war. Sie heizte den Ofen für heißes Wasser und die Geburt ging los. Es war Februar 1945 und ich wurde geboren.

Die nächsten acht Monate waren eine Zeit mit viel Angst und ständigem Verstecken. Gleich am nächsten Morgen kam ein LKW mit vielen russischen Soldaten, die sofort das Haus kontrollierten. Einer von ihnen kam ins Zimmer und sah auf dem Tisch eine Bibel liegen. Ein Anderer kam und fragte: „Wen erschießen wir hier?“ Bolek hatte sich in der Küche verkrochen vor Angst. Als sie sagten: „Wir nehmen die Mädels mit!“, hat meine Großmutter sie angefleht, es nicht zu tun. Und? Sie taten es wirklich nicht. Der Russe, der die Bibel sah, hatte alle anderen weggeschickt.

Später gingen die Soldaten ins Nachbarhaus und haben dort den Vater, die Mutter, den Opa, die Oma und den Schwiegersohn erschossen. Es blieben nur noch die Schwiegertochter und deren Tochter übrig. „ Erschießt uns auch!“, sagten die Frauen, aber der Russe sagte: „Nein! Die Deutschen haben in meiner Familie fünf Personen erschossen und ich habe es jetzt auch getan“. Das war die Rache der Russen an den Deutschen.

Die Leute mussten sich immer wieder verstecken, um vor Übergriffen sicher zu sein. Mit einem Baby war das gefährlich. Wenn ich geweint hätte, wären alle im Versteck verraten worden. Oft brachte meine Großmutter mich zum Stillen zu meiner Mutter ins Versteck, aber meine Mutter hatte Angst, dass ich weinen würde.

Auf dem Hof gab es eine riesige Kartoffelmiete. Hier wurde der Vorrat für den Winter eingelagert. Dieses war mein Glück. Großmutter hat für mich Schoppen gemacht. Kartoffeln wurden geschält, gerieben und in ein Tuch gegeben, um sie auszudrücken. So setzte sich Kartoffelstärke ab, die dann getrocknet wurde. Damit wurde ich gefüttert, wenn ich nicht gestillt werden konnte, weil es zu gefährlich war, das Versteck zu verlassen.

Der Bolek hatte auch ein wunderbares Versteck im Stall gebaut. Oben war Heu und Stroh und unten war der Pferdestall. Er hat ein kleines viereckiges Zimmer über den Pferdestall gebaut, es mit Matratzen und Wolldecken ausgelegt. Als Stütze wurden von unten Pfähle hingestellt, damit von oben nicht alles einbrach. Im Stall war ein Fenster mit einem Fensterbrett, auf das sich die Frauen stellten, um mit einem Satz nach oben zu klettern. Aus der Holzdecke über dem Stall hatte Bolek zwei Bohlen gelöst, die die Frauen zur Seite legten, um durchklettern zu können. Manchmal haben sie unten im Stall die Soldaten gesehen und hatten natürlich große Angst. Es muss schrecklich gewesen sein.

Im Dorf gab es noch mehrere Verstecke für die jungen Frauen. Acht Monate lang haben meine Mutter und ihre Familie sich immer verstecken müssen. Wenn sie am Morgen aufgewacht sind, wussten sie nicht, ob sie am Abend noch leben würden. Alle lebten in ständiger Todesangst. Dass sie das alles überhaupt durchhalten konnten und man sie nicht fand, ist ein Wunder. Meine Großmutter war immer besorgt um ihre Töchter und um mich, das Baby. Sie hat auf mich aufgepasst.

Es gab immer wieder gefährliche Situationen. Einmal wurde meine Oma bedrängt zu sagen, wo die jungen Frauen seien. Sie sollte das Versteck verraten, doch sie sagte nichts. Sogar als ihr über den Kopf geschossen wurde, hat sie niemanden verraten. Ihre Töchter haben vom Versteck aus zugesehen und konnten ihr nicht helfen. Danach ging es ihr sehr schlecht und trotzdem hat sie geholfen, mich zu versorgen.
Einmal kam ein Russe, hat im Garten eine Blume abgepflückt und sie mir in den Kinderwagen gelegt.

Die Vertreibung

Inzwischen kamen auch immer mehr Polen nach Masuren. Von den Polen wurde der Familie mitgeteilt, dass sie innerhalb von drei Stunden ihren Hof verlassen müssen. Für den Bolek wurde es auch immer gefährlicher, den Deutschen zu helfen. So haben sie gemeinsam ihre Rucksäcke und den Pferdewagen gepackt und sind nach Allenstein zum Bahnhof gefahren. Der Bolek ist auch weggefahren. Viele Jahre haben meine Eltern den Bolek gesucht und eines Tages auch gefunden. Es war ein bewegendes Wiedersehen und seine Frau berichtete, dass Bolek oft von ihnen erzählt habe und sich gefragt habe, wie alles weitergegangen sei.

Am Bahnhof in Allenstein waren viele deutsche Soldaten. Es waren gefangene Soldaten aus Russland. Sie sagten: „Das ist unser Zug.“ Meine Mutter fragte: „ Wohin fahrt ihr?“ „ Nach Westdeutschland“, war die Antwort. Meine Großmutter, mein Urgroßvater, meine zwei Tanten, meine Mutter und ich durften mitfahren. Der Zug bestand aus lauter Viehwagen. Die Soldaten hatten sie gereinigt und die Toten herausgelegt.

Die Soldaten fragten, ob sie etwas zu essen haben könnten. Meine Großmutter holte Brot aus ihrem Rucksack und gab ihnen davon. Dann sind sie in den Zug eingestiegen. In dem Waggon waren mindestens 40 bis 50 Personen.
Der Zug war von Allenstein bis Frankfurt/Oder 14 Tage unterwegs. Wie meine Familie ohne viel Essen und Trinken durchhalten konnte und meine Mutter in der Lage war, mich zu stillen, das konnten sie sich nicht erklären. Sie sagten immer wieder, das sei ein Wunder Gottes gewesen. Bettbezüge wurden zerrissen und Windeln daraus gemacht. Das Kartoffelmehl wurde als Puder für mich genommen und ich habe wohl nicht viel geschrien.

Ereignisse und Erfahrungen

Als dieser Zug einmal länger hielt, stieg meine Mutter aus, um Brot beim Bäcker zu holen. Plötzlich sah sie, wie der Zug sich in Bewegung setzte, und rannte so schnell sie konnte. Sie schaffte es in einen hinteren Waggon, konnte aber erst beim nächsten Halt zu ihrer Familie, die sich große Sorgen machte. An einem anderen Bahnhof kam ein älterer Mann auf meine Mutter zu und bat um etwas Brot für seine Frau. Meine Mutter überlegte, was soll ich tun? Wir brauchen auch das Brot. Sie gab ihm dann doch etwas davon ab. Als sie wieder in den Zug einsteigen wollte, klopfte ihr jemand auf die Schulter und gab ihr einen ganzen Laib Brot. Meine Mutter sagte immer: „Das war ein Engel.“

Ankunft

Als sie in Berlin ankamen, herrschte dort so ein Durcheinander und waren so viele Menschen, das sie den Urgroßvater verloren und nicht wieder fanden. Von Berlin aus wurden sie zunächst nach Schleswig-Holstein eingewiesen. Der Bruder meines Großvaters lebte in Baden-Württemberg und dadurch konnten sie dorthin. Auch meinen Großvater und meinen Vater sahen wir dort wieder.

Aufnahme

In Baden-Württemberg wohnten alle auf der Haid, einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Sie wurden von wenigen nett und von anderen verständnislos empfangen. Einige sagten: „Wie kann man nur seine Heimat verlassen?“ Meine Mutter ist dort nie richtig angekommen. Sie reiste in späteren Jahren auch sehr oft nach Ostpreußen. Für meinen Vater war es sehr schwer, Arbeit zu bekommen, da alle seine Zehen abgefroren waren. Doch er hat dann verschiedene Stellen als Hausmeister bekommen.

Zu Hause wurde sehr viel über die verlorene Heimat gesprochen. Alle ehemaligen Dorfbewohner sind über ganz Deutschland verteilt. Wir hatten noch oft Kontakt zu einigen Menschen aus unserem Worfengrund. Mein Bruder, der sieben Jahre jünger ist als ich, und Ostpreußen nur aus den Erzählungen kannte, war der erste, der Worfengrund besuchte. Zuerst dachten die polnischen Dorfbewohner, dass wir das Land zurück haben wollten. Sie merkten dann jedoch, dass wir ihnen freundlich gesonnen sind. Es entstanden Freundschaften zu unserer Familie. Für viele polnische Familien war es auch nicht einfach, umgesiedelt zu werden. Heute denke ich oft, es ist ein Wunder Gottes, dass ich das alles überlebt habe und heute 71 Jahre alt bin. Einen herzlichen Dank an alle Menschen, die mir geholfen haben.

Das Interview führte Yannik Krumm