Dima Sharaf Adeen
aus Damaskus / Syrien
35 Jahre

Ich verbrachte meine Kindheit in zwei verschiedenen Ländern, ich wurde in Dijon in Frankreich geboren, mein Vater studierte in Frankreich und bereitete seine Doktorarbeit vor. Ich besuchte den Kindergarten in Dijon und später ging meine Familie zurück nach Damaskus in Syrien. Ich hatte eine sehr interessante Kindheit Die syrischen Familien haben eine besondere familiäre Beziehung, starke soziale Bindungen.

Ich beendete meine Schulzeit nach zwölf Jahren, ich ging dann an die Universität, wo ich Rechnungswesen studierte. Nach vier Jahren machte ich meinen Abschluss. Danach studierte ich weitere zwei Jahre auf einen höheren Abschluss und machte den Master in Bank- und Finanzwissenschaften. Ich schloss mit Auszeichnung ab.

2011 begannen Demonstrationen in Syrien. Zu dieser Zeit begannen die Regierungskräfte auf Protestanten zu schießen. Zu dieser Zeit machte mein Ehemann seinen Doktorabschluss. Er sollte in die Armee eintreten, aber er weigerte sich, weil er nicht auf unschuldige Menschen schießen wollte. Er beschloss, Syrien zu verlassen und ging Ende 2011 nach Jordanien. Zu der Zeit konnte ich ihn nicht begleiten, da ich die Leitung eines Kindergartens in Damaskus führte. Zu der Zeit glaubte ich auch noch, dass ich nur etwas warten müsse, später wusste ich allerdings, dass das falsch war

Einige Geheimdiensleute befragten mich nach meinem Mann. Und sie kamen ständig in den Kindergarten, um mich auszufragen. Sie störten mich bei meiner Arbeit. Sie forderten von mir, dass ich ihnen Namen nenne von Kindern, die im Kindergarten etwas gegen die Regierung sagten. Ständig sagte ich ihnen, sie seien doch nur Kinder und wüssten nichts. Aber das war ihnen nicht genug, sie wollten Namen. Es war für mich unmöglich, so etwas zu tun, es war einfach verrückt, was sie von mir verlangten.

Letztendlich gab es neben meinem Haus eine schwere Detonation, sodass ich beschloss, Syrien zu verlassen, da es für meine Kinder nicht mehr sicher war. Am 6.6.2012 verließ ich mit meinen drei Kindern Syrien und folgte meinem Mann nach Amman in Jordanien Es war so schwer, unserem Zuhause Auf Wiedersehen zu sagen.

In Jordanien wurde es schlimm. Wir durften nicht arbeiten. Das war kein Leben. Wir waren in einem anderen großen Gefängnis. Es gab ein UN-Programm für Flüchtlinge, um ein neues Zuhause zu finden. Ich habe mich bemüht, diese Chance für meine Kinder zu bekommen, aber erfolglos. Ich begann über illegale Immigration nachzudenken. Über Monate recherchierte ich im Internet, um Erfahrungen anderer Menschen zu finden. Letztendlich beschlossen wir zu gehen. Wir verkauften alles, unsere Möbel, um Tickets zu kaufen, um in die Türkei zu gelangen. Aber mein Mann hatte keinen Pass, so dass er Jordanien nicht verlassen und nicht in die Türkei fliegen konnte. Ich verließ Jordanien allein mit zwei meiner Kinder.

Natürlich war das ein großes Risiko, ich hatte sehr, sehr viele Ängste. Es war eine Reise ohne Rückkehr. Als wir unsere Reise begannen, saßen 70 Leute im Schlauchboot… Man konnte nichts machen, außer beten.

Meine Reise nach Deutschland war schwer. Wir starteten in der Türkei, wir ruderten mit einem Schlauchboot. Mein jüngster Sohn ist krank, er hat Probleme mit seinem Herzen, er konnte nur schwer atmen, weil so viele Menschen auf dem Boot waren. Zu der Zeit hatte ich keine Ängste mehr, all meine Gefühle waren eingefroren. Ich sah so viele Ängste um mich, aber zu diesem Zeitpunkt dachte ich, Leben oder Tod, das sei egal. Wir konnten nichts tun. Ich fühlte, dass versteckte Hände das Boot über die Wellen bewegten. Nachdem wir eine oder mehr Stunden gesegelt waren, ich konnte es nicht einschätzen, wie lange wir unterwegs waren, kamen wir schließlich auf Kos, einer griechischen Insel, an und waren gerettet. Dort warteten wir vier Tage und mussten in einem Zelt schlafen auf der Straße wie auch die anderen Leute. Wir waren glücklich, als wir die Insel verlassen konnten. Es gingweiter, diesmal aber mit einem großen Schiff. Es war wie auf der Titanic für uns. Es brachte uns in ein neues Leben nach Europa.

Wir erreichten Athen und liefen zur Grenze, von dort aus ging es zu Fuß weiter, bis wir Mazedonien erreichten. Dort mussten wir an einem sehr kalten Ort bis Sonnenaufgang warten. Von dort konnten wir mit dem Zug bis zur nächsten Grenze reisen. Dann liefen wir wieder mehrere Kilometer zu Fuß bis Serbien. Dort mussten wir auf ein Dokument warten, das notwendig war, um Serbien zu verlassen. Wir erreichten Belgrad und verbrachten dort eine Nacht und fuhren mit dem Zug weiter ins erschreckende Ungarn. Wir erreichten Ungarn morgens um drei Uhr. Ich hoffte, dass wir dieses Land durchqueren konnten, ohne dass unsere Fingerabdrücke genommen werden würden. Das hätte bedeutet, dass die Familienzusammenführung mit meinem Mann und meinem anderen Sohn verzögert worden wäre.

In Ungarn waren tausende Menschen, alte Menschen, schwangere Frauen, Kinder, die warteten… Ich war so enttäuscht, meine Kinder waren so erschöpft, es gab nichts zu essen und keinen Platz zum Ausruhen. Zu der Zeit begann ich nachzudenken: “Was habe ich meinen Kindern angetan?!!!!" Am Nachmittag war es so heiß, mein Freund sagte, wir sollten weglaufen, wir konnten nicht warten bis zur Nacht. Es würde da wieder sehr kalt sein für die beiden kleinen Kinder. Wir hatten keine Zelte und nichts zu essen, nicht einmal Decken. Wir liefen weg, durch die Kornfelder, liefen und liefen, bis wir einen kleinen Wald erreichten. Dort machten wir Halt, um uns etwas auszuruhen.

Hubschrauber flogen über unsere Köpfe, mein Sohn schrie, er sagte: “Jetzt suchen sie uns.” Wir warteten bis zum Sonnenuntergang und liefen weiter. Wir erreichten ein ungarisches Dorf. Dort sah ich eine Frau in ihrem Hausgarten. Ich sprach sie an. Sie war eine sehr nette Frau, sie bot uns ihre Hilfe an. Einer ihrer Freunde brachte uns mit dem Auto nach Budapest. Von dort fuhren wir mit dem Zug nach Österreich, dann nach Deutschland.

Zuerst erreichten wir München. Die Menschen dort hießen uns sehr willkommen. Zum ersten Mal während der Reise fühlte ich, wir seien sicher.
Für mich war es eine große Entscheidung, nach Deutschland zu gehen. Aber ich glaubte, Deutschland sei ein Land, das Flüchtlinge willkommen heißt. Es ist ein wichtiges europäisches Land, wo mein Mann und ich in Zukunft Arbeit finden könnten und wo unsere Familie schnell wieder vereint werden kann.

Die meisten deutschen Menschen, die ich traf, behandelten meine Familie wundervoll. Sie halfen uns auf verschiedenen Wegen. Ich traf eine sehr nette deutsche Familie, die Familie Bartelt. Birgitt Bartelt half mir sehr viel und verbrachte sehr viel Zeit damit, eine Wohnung für uns zu finden. Und sie fand eine schöne Wohnung in Berlin für meine Familie. Diese Wohnung wurde angeboten von einer deutschen Frau, die sie einer Flüchtlingsfamilie geben wollte. Sie wollte kein Geld für die Wohnung von uns, auch nicht vom Jobcenter.

Ich verstehe, dass einige Menschen Ängste haben vor Flüchtlingen. Ich möchte einfach nur erklären, dass wir nicht herkamen, um Spaß zu haben, wir wollten nur unsere Kinder retten, wir wollten eine Chance zum Überleben haben, wir schätzen diese Chance, die uns und den Kindern gegeben worden ist, weit weg von Krieg, Töten und Zerstörung.

Jetzt lerne ich Deutsch als ersten Schritt, um einen Job zu finden. Mein Mann und ich arbeiten hart, unsere Sprachkenntnisse zu verbessern, so gut es uns möglich ist.

Viele meiner Verwandten sind noch in Syrien. Mein Vater und meine Mutter sind in Jordanien. Ich habe über das Internet und Soziale Netzwerke Kontakt zu ihnen.

Ich versuche immer die schönen Erinnerungen an Syrien in meinem Kopf zu haben. Ich mag es, mich daran zu erinnern, wie schön es war. Aber manchmal ist es schwer, weil ich in den Nachrichten sehe, was dort passiert. Es ist eine menschliche Katastrophe.

Ich weiß nicht wirklich, was die Zukunft bringen wird, aber ich hoffe, dass wir eines Tages nach Syrien zurückgehen können.

Dima antwortete schriftlich auf die Fragen und Birgit Bartelt übersetzte sie.