Ewald Felscher
Aus Tokary / Polen
Jahrgang 1930

(Anmerkungen zum Lebenslauf von Olga Felscher)

Herkunft

Von der Großmutter, Rosine Nass, geborene Tews, habe ich erfahren, dass unsere Vorfahren aus Holland oder Belgien stammen sollen. Unsere Sprache ist dem Flämischen sehr ähnlich. Wann die Ansiedlung an der Weichsel erfolgte, ist nicht bekannt. Die Ansiedlung kann etwa 1800 nach der dritten Teilung Polens auf Initiative Preußens erfolgt sein. Oma Nass berichtete, dass die Großeltern in Erdbunkern in der Steilküste wohnten. Das Wohnhaus, das wir durch den Krieg verloren, war schon das zweite Gebäude und wurde von Olgas Brüdern Otto und Samuel gebaut. Das Haus davor war eine Kate und wurde abgerissen.

Verhältnis Deutsche – Polen

Über die Zeit vor dem Krieg hatte ich wenig erfahren. Mutter erzählte, dass das Verhältnis Deutsche – Polen nach dem Hitler-Stalin-Pakt schlagartig schlechter wurde. Für die einfachen Menschen ohne Zeitung und Radio gab es dafür zunächst keine Erklärung. Die Eltern und Großeltern waren bemüht sowohl zu den Polen als auch zu den Juden ein normales Verhältnis zu haben. Ich kann mich schwach erinneren, wie Oma heimlich in Plock bei Juden Waren getauscht hat.

Vaters Militärdienst

Da wir polnische Staatsbürger waren, musste Vater in der polnischen Armee dienen und bei Kriegsbeginn gegen die Rote Armee kämpfen. Er geriet in Gefangenschaft, floh und wurde von den Deutschen aufgegriffen. Das war 1939. Als deutscher Soldat musste er dann 1942 an die Ostfront. Nach einer Verwundung des linken Ellenbogengelenkes wurde er 1943 erneut an die Ostfront geschickt.

Ein Winter als Metzgergehilfe

Nach unserer gescheiterten Ausreise 1947 wohnten wir bei einem ehemaligen „Gutsbesitzer“. Ignatz Sosnoski war ein Lebemann, der durch Spiel und Liebschaften seinen Besitz verloren hatte. Er besaß nur noch wenig Acker, eine Kuh, zwei Schweine und Kleinvieh. Wir wurden bei ihm als Mieter eingewiesen und wohnten im „Schlachthaus“, wo früher geschlachtet und geräuchert wurde. Als „Miete“ mussten die Großeltern das Vieh versorgen und sich um die Räucherei kümmern. Ignatz Sosnoski wurde von den Bauern in den Wintermonaten zu Hausschlachtungen geholt.
Vor dem Schlachten war es Sitte, von dem selbstgebrannten Schnaps reichlich zu trinken. Da machte ich als Neunjähriger die erste Alkohol-Erfahrung. Die Männer hatten ihre Freude daran, wie ich unter Tränen alles wieder heraus hustete. Wenn das Schwein am Haken hängt, wird wieder eingeschänkt. Bei diesen Hausschlachtungen konnte ich mich nützlich machen und wichtige Arbeiten ausführen. Bei der ersten Schlachtung sollte ich mit einem Sack die Seele des Schweins am Hintern auffangen, was ich als naives Kind unter dem Gelächter aller erfolglos versuchte. Bauern, die keine Möglichkeit zum Räuchern hatten, ließen in Tokary bei Sosnoski räuchern. Mein Bett war nicht weit von der Räucherkammer entfernt und der Duft zog in unseren Wohnraum. Wenn die Bauern ihre Waren abholten, ließ Sosnoski unbemerkt eine Wurst in die Asche fallen. Meine Oma fand dann ihren Lohn beim Säubern der Räucherkammer. Bei Sosnoski wohnten wir bis zu unserer endgültigen Ausreise im Mai 1949.

Unerwähnt bleibt in Olgas Aufzeichnung sein Aufenthalt in Dänemark und Ungarn. Von Dänemark und seiner Landwirtschaft schwärmte er regelrecht. Nach Vaters Erzählung ist er 1945 in Ingolstadt in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten.

Flucht und Ansiedlung

Die Flucht am 16. Januar 1945 erfolgte zu spät und wir wurden noch am selben Tag von der Roten Armee überrannt. Nach einigen Irrfahrten kehrten wir wieder nach Tokary heim. 1947- ein neuer Versuch, Polen zu verlassen. Nach einem Aufenthalt in Lodz und Erntearbeit auf einem großen Gut, wurden wir wieder nach Hause gefahren. Endlich 1949 glückte der dritte Anlauf. Nach längeren Lageraufenthalten in Warschau, Oppeln und Bischofswerda landeten wir am 15. Juni 1949 in Kothendorf.

Erinnerungen an die drei Lager

In Warschau befand sich das Lager in der Nähe des Güterbahnhofes. Es war für uns Kinder faszinierend, wie viele Gleise es gab und Züge fuhren. Wie lange wir dort waren, weiß ich nicht. Erinnern kann ich mich an die Entlausung bei der Ankunft. Hauptnahrung waren Brot mit Marmelade und Tee. Für Kinder gab es einige Bonbons. In Warschau haben wir die Zerstörung gesehen. Die Trümmer lagen auf der Straße, sie war dadurch ganz schmal.

Von Warschau nach Oppeln (Schlesien)

Wir fuhren mit einem Güterzug durch das Bergbaugebiet. Die Kinder saßen an den offenen Türen und ließen die Beine aus dem Zug baumeln. Ich sehe noch heute die großen Kohle- und Abraumhalden vor mir. Das Lager in Oppeln war schlimm, besonders die sanitären Verhältnisse. Hauptnahrung war Sojabohnensuppe. Vater war 1945 nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft Knecht beim Bauern Sauermann (gegenüber der Glocke).
Als der Bauer Karl Krüger 1947 an einer Blutvergiftung starb, wechselte unser Vater die Arbeitsstelle. Die Leitung des Hofes hatte die Witwe Anna Krüger, die dieser Aufgabe überhaupt nicht gewachsen war. So lag die Verantwortung ganz auf Vaters Schultern, er war sein eigener Knecht. Auf dem Hof gab es noch einen zweiten Knecht, Albert Naujoks.
Er war der Kuhknecht und war dem Pferdeknecht, unserem Vater, unterstellt. Diesen Albert habe ich in guter Erinnerung. Mit ihm teilte ich nun die kleine Kammer neben dem Pferdestall. Er war gut zu uns Kindern und scherzte viel mit uns. Da wir das Landleben kannten, war der Hof mit vielen Tieren ein Paradies für uns.
Frau Krüger hatte nur eine Tochter, Wilma. Sie war an Kinderlähmung erkrankt und lebte bei einer Bekannten in Schwerin. Wilma war selten in Kothendorf und hatte zu den Mädchen des Dorfes kaum Kontakt. Dafür wollte sie mit uns Mädchenspiele machen, was wir nicht so toll fanden. Am ersten Tag nach unserer Ankunft fuhr Vater mit mir auf dem Pferdewagen aufs Feld nach Krumbeck. Ich durfte die Pferdeleine halten und war sehr stolz. Viele Leute schauten und Vater musste ihnen erklären, dass wir endlich aus Polen gekommen sind. Da wir durch das ganze Dorf mussten, erklärte mir Vater, wie die Bauern auf den Gehöften hießen und worin ihre Stärken bestanden.

Bauer Knüppel hatte immer die besten Milchkühe, der Umsiedler Cech die besten Pferde, Liesbeth und Ilse Beckmann kamen allein ohne Vater überhaupt nicht klar. Edward Knüppel jun. war gerade aus der Schule gekommen. Mit 15 Jahren begann er ohne Lehre die Arbeit auf dem Elternhof. Da ich zehn Jahre war, dachte ich schon mal über meine Zukunft nach. Ich fand die Situation von Edward Knüppel toll.
Auf der Fahrt nach Krumbeck muss Vater uns in der Schule angemeldet haben. An die ersten Tage in der Schule habe ich keine poitiven Erinnerungen. Da ich wenig Hochdeutsch konnte, hielt Lehrer Kröger meine Kommunikation mit den Nachbarn für schwatzen. Als er mir eine „Ohrfeige“ verpasste, war ich sehr reaktionsschnell, so dass sein Schlag ins Leere ging und die Klasse schallend über ihn lachte.
Ich erinnere mich, dass die beiden Lehrer Henry und Kröger sich über mich auf dem Schulhof unterhielten. Sie kamen überein, dass meine offizielle Einschulung am 1. September 1949 sein sollte. Mein Bruder Eduard hatte schon zwei Klassen in Polen besucht und konnte deshalb mit der dritten Klasse starten.
Es ist erstaunlich, wie schnell wir die deutsche Sprache lernten. Mit meinem Bruder habe ich noch längere Zeit polnisch gesprochen, vor allem, wenn es schnell gehen sollte. Mutter hat geschimpft, wir sollten Deutsch reden und die Vergangenheit hinter uns lassen.

Mein offizieller erster Schultag

Einschulungen hatten nicht den Stellenwert wie heute. Eine Einschulungsfeier gab es nicht. Wenn Eltern ihr Kind bis zur Schule begleiteten, dann war das schon viel. Da der Bauernhof Krüger am Ende des Dorfes lag, musste ich fast durch das ganze Dorf. Ich war ja schon zehn Jahre alt und einige Eltern baten mich, ihren ABC-Schützen zur Schule mitzunehmen. Mit mir wurde auch Renate Trapp eingeschult. August Trapp war später der Lehrmeister von Bruder Eduard Otto in der Stellmacherei. Frau Trapp gab ihrer Tochter eine Tüte Äpfel für die Schulanfänger mit. Es war das einzige Geschenk, an das ich mich erinnern kann. Das Lernen machte Spaß, denn es war ein Ausgleich für die körperliche Arbeit, die wir Kinder leisten mussten.
Eigentlich hätte ich schon 1946 eingeschult worden sein müssen, aber es gab für die deutschen Kinder keine Schulpflicht und kein Schulrecht (in Polen). So war ich während der Schulzeit oft der Älteste und sollte immer mit gutem Beispiel vorangehen. Nur mein Freund aus Lehmkuhlen war an der Schule in Wassow noch ein Jahr älter. Sehr erfreut war ich, als die Lehrer mich 1951 zu Weihnachten, nach einem halben Jahr in Klasse zwei, in die dritte Klasse versetzten. So schrumpfte der Altersunterschied zu den Mitschülern auf zwei Jahre.

Schule und Dorfleben

Der Krieg und die Nachkriegszeit brachten für die Dörfer viele Veränderungen wie lange nicht in der Geschichte. Viele junge Männer waren gefallen und fehlten als Erben auf den Bauernhöfen. Nun kamen die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, vorwiegend Frauen und Kinder, ins Dorf. Bei einigen Bauern waren die „Neuen“ nicht willkommen. Viele Einheimische und Flüchtlinge hatten das gleiche Schicksal, den Verlust von Angehörigen, meist Männer oder Brüder. Mit der Zeit legte sich die Ablehnung, denn Bauern und Flüchtlinge brauchten einander. Flüchtlinge aus den Städten zogen durch die Dörfer, um zu betteln bzw. ihre „Habseligkeiten“ gegen Nahrungsmittel einzutauschen. Außerdem waren wir Flüchtlinge gefragte und billige Arbeitskräfte.

Für ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit nahmen sie jede Arbeit an. Eine staatliche Unterstützung gab es nicht. Man kann sich kaum vorstellen, wie viele Menschen im Dorf untergebracht waren. Mindestens die Hälfte der Einwohner waren Flüchtlinge. Sehr langsam setzte der Wegzug in die Städte ein. Heute wohnen auf den damaligen Höfen nur Einwohner. Bis 1945 waren die Bauern unter sich. Geheiratet wurde ein Partner aus dem Dorf oder der näheren Umgebung. Kein Wunder, dass viele Bauern miteinander verwandt waren. Liebesbeziehungen zu Flüchtlingen stießen bei den Bauern auf Ablehnung und fanden erst sehr langsam Akzeptanz.

In Kothendorf gab es 1949 zwei Lehrer. Vor dem Krieg unterrichtete Wolfgang Henry alleine. Nach dem Krieg kam ein zweiter Lehrer, Günther Kröger, ins Dorf. Er war ein Neulehrer. Was er vor seiner Lehrerausbildung gemacht hat, ist mir nicht bekannt. Der Lehrer Kröger hatte viel Verständnis für die Flüchtlinge und deren Kinder. Er hatte noch keine Familie und nahm sich Zeit für die Umsiedler- bzw. Flüchtlingskinder. Lehrer Henry fand Unterstützung durch die Bauern. Man sah öfter, dass die Bauernkinder vor dem Unterricht ein Päckchen bei Henry ablieferten. Während der Lehrer Kröger den politischen Veränderungen gegenüber aufgeschlossen war, stand er der neuen Zeit skeptisch gegenüber. 1952 floh er nach Westberlin, nachdem man Berlin aufgeteilt hatte. Ich persönlich war über sein Verschwinden erleichtert, denn ich hatte wenig Symphatie für ihn. Er spielte zwar wunderbar Akkordeon und brachte die Schule zum Singen. Es gab mehrere Dorffeste, die von der Schule gestaltet wurden. Leider war der Lehrer auch ungerecht in der Bewertung der Schülerleistungen. Da ich Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hatte, machte er sich vor der Klasse über meine Fehler lustig. Das führte zur Verunsicherung und Leistungsabfall.

Lehrer Kröger war nun allein an der Schule und es wurde ein zweiter Lehrer gesucht, was mehrere Wochen dauerte. Günter Kröger galt bei vielen als Angeber. Besonders stolz war er auf sein Fahrrad. Er fuhr immer besonders schnell durch das Dorf, was ihm eines Tages zum Verhängnis wurde. Einige Schüler passten es genau ab, dass ihm bei Bauer Deichmann Schafe ins Rad gehetzt wurden. Das tat seinem Image natürlich Abbruch. Eine seiner Angewohnheiten war es, am Ende des Unterrichts eine Gardinenpredigt zu halten. Da wurden alle Verfehlungen benannt und bestraft. Seine Wutausbrüche waren für mich beängstigend. Er wusste über alles Bescheid, bestimmt hatte er bei den Erwachsenen seine Informationsquellen. Eines Tages überrachte er uns mit der Nachricht, dass wir „Junge Pioniere“ werden könnten. Voller Begeisterung schilderte er uns, wie wir schon als Kinder die Welt verändern könnten. Er holte aus seiner Wohnung einen blauen Wimpel und befestigte ihn an der Wand. Dann teilte er uns mit, dass die Gruppe den Namen „Heinrich Seidel“ tragen soll. Von Heinrich Seidel, der in der Nähe (Perlin bei Dümmer) geboren wurde, hatten wir noch nichts gehört. Auch ein Halstuch hatte er schon für jeden besorgt. Wir brauchten nur das Einverständnis der Eltern einzuholen. Ich habe mich überhaupt nicht getraut, die Eltern zu fragen. Meine Eltern wollten sich aus allem heraushalten. Darin hatte schon die Lebensstrategie in Polen bestanden.

Die Pioniergruppe bestand nur aus Flüchtlingskindern. Ob er die Bauernkinder nicht ansprach oder diese es ablehnten, weiß ich nicht. Als die Mitschüler das Einverständnis mitteilten und Pioniere wurden, wollte ich kein Außenseiter sein. Mein Bruder und ich wurden heimlich Pioniere und versteckten die Halstücher vor den Eltern – bis Mutter das Halstuch fand. Nach der „Republikflucht“ von Lehrer Wolfgang Henry gab es verkürzten Unterricht, den Günter Kröger allein erteilen musste. Es dauerte Wochen, bis ein neuer Lehrer gefunden wurde, der nach Kothendof verpflichtet wurde. Mit den damaligen Möglichkeiten kam er nur bis Warsow. Dort holten wir Schüler den neuen Lehrer ab. Für sein Gepäck hatten wir einen Handwagen mitgebracht. Er war von unserer Begrüßung und Hilfe sehr gerührt. Wir mochten und liebten diesen Lehrer von Anfang an. Das Lernen machte Spaß. Er war konsequent und gerecht. Da er ohne Familie war,hatte er auch außerhalb der Schule Zeit für uns. Leider war die Zeit mit ihm kurz. Im Sommer 1952 ging er wieder weg. Mehrere Schüler brachten ihn wieder nach Warsow zum Bus. Der Abschied war schwer. Viele Schüler weinten.

Vom neuen Schlujahr an (1952/1953) gingen die siebten und achten Klassen nach Warsow. Auch Lehrer Kröger verließ das Dorf. Er ging nach Kobande bei Demen. Da die Schülerzahl rückläufig war, wurde nur ein Lehrer für die Klassen eins bis sechs benötigt. Ein neuer Lehrer, Lehrer Pioch, kam. Sein Kinderreichtum war sofort Gesprächsstoff. Es war nicht leicht für ihn, Frau und acht Kinder zu versorgen. Unterstützung bei den Bauern fand er nicht, auch weil er Mitglied der SED war. Die Jahre 1952/53 waren eine bewegte Zeit, auch in dem kleinen Kothendorf. Die II. Parteikonferenz hatte den Aufbau des Sozialismus in der DDR beschlossen. Dazu gehörte die Kollektivierung der Landwirtschaft. Viele Bauern konnten das hohe Ablieferungssoll nicht schaffen und kapitulierten. Es gab für sie zwei Möglichkeiten. Flucht über Westberlin nach Westdeutschland oder widerwillig in eine Genossenschaft einzutreten. Höhepunkt dieser Krise war der 17. Juni 1953. Lehrer Pioch lief immer zur Nachrichtenzeit aus der Klasse und drehte das Radio laut, um die Nachrichten zu hören. Wir merkten, dass er Angst um sein Leben hatte. Im Dorf gab es nur drei Parteimitglieder.

Unser Vater hatte 1952 bei Krügers gekündigt und arbeitete bei der BAU-UNION Schwerin. Kurz nacheinander waren zwei Pferde krepiert und Frau Krüger gab ihm die Schuld daran. Wir zogen in Kothendorf um, meine Eltern erhielten bei Bauer Eckelmann zwei Zimmer, ohne Küche. Ich wohnte schon seit 1951 bei den Großeltern bei Bauer Wolf in einem Raum.

Am 17. Juni kam Vater früher nach Hause. Die Bauarbeiter seiner Firma streikten. Er erzählte uns, dass in Schwerin aus Wut Fenster in einigen Geschäften eingeworfen wurden. Das war vor allem wegen der schlechten Versorgung. Auch in Schwerin stellten sowjetische Panzer die Ruhe wieder her. Mit den eigenen Sicherheitskräften wäre das nicht möglich gewesen. Frau Krüger hatte die Wirtschaft verlassen und war nach Westberlin gegangen. Doch das Heimweh und der „Neue Kurs“ führten sie wieder nach Hause. Den Hof erhielt sie zurück, musste aber der LPG beitreten, ein eigenes Wirtschaften war damit nicht mehr möglich. Als Frau Krüger geflohen war, gab es keinen, der sich um das Vieh kümmerte. Meine Mutter Olga und Oma Rosine Nass taten das, bis eine Lösung von der Gemeinde gefunden wurde. Da das Haus leer stand, konnten die Eltern wieder bei Krügers einziehen - bis 1956. Für die Betreuung der Pferde war ich mit meinen 14 Jahren verantwortlich. Mich kannten die Pferde und gehorchten. Da die Pferde längere Zeit ohne Arbeit im Stall standen, waren sie wild, übermütig, aggressiv und unberechenbar. Im Rückblick war ich mit den Tieren sehr verbunden und freute mich, wenn ich eines dieser Pferde sah. Besonders Lise lag mir am Herzen, weil ich sie seit der Fohlenzeit kannte.

Nach Frau Krügers Rückkehr lebten wir mit ihr in dem Haus. Es gab immer wieder Spannungen. Es gab nur eine Küche für beide, so dass die Eltern eine neue Bleibe suchten. Im Herbst 1956 wurde eine Wohnung in der Dorfstraße 16 frei. Dort blieben meine Eltern bis zu deren Tode. Mein Vater starb 1981, meine Mutter 1992. Bei diesem Umzug entsorgten die Eltern meine Schulbücher, Hefte und Zeichnungen aus der bisherigen Schulzeit. Meine Zeugnisse waren zum Glück nicht dabei, die hatte ich mit nach Dömitz genommen. Eine kleine Entschädigung für diesen Verlust hatten die Vormieter unbeabsichtigt zurück gelassen. In einem alten Schrank im Stall fand ich einen Weinvorrat und eine alte Bibel aus dem Jahr 1816, die in New York gedruckt wurde.

Berufswahl mit Hindernissen

Wenn es nach dem Willen der Eltern gegangen wäre, hätte ich einen landwirtschaftlichen Beruf erlernt. Doch diese Möglichkeit hatten wir nicht. Ein Handwerk kam auch in Frage, da mein Bruder Stellmacher lernen konnte. Meine Vorstellung beim Dorfschmied war ergebnislos. Er sagte mir bei Betrachtung des Zeugnisses, dass er einen Lehrling zum Arbeiten brauche und keinen zum Studieren. Er riet mir, ich sollte bei den Zeugnissen mehr aus mir machen.

Der Zufall sollte mein Problem schnell lösen. Im Frühjahr 1956 (Mai/Juni) waren mehrere Lehrer krank und Klassen ohne Aufsicht. Da ich schon fast 17 Jahre alt war, holte mich der Direktor aus dem Unterricht und steckte mich in eine vierte Klasse zur Aufsicht. Stark motiviert von dem Vertrauen des Direktors, habe ich natürlich versucht, Unterricht zu spielen. Von Zeit zu Zeit schaute der Direktor durch die Tür und sagte nur: „Mach weiter.“ Sehr peinlich war für mich die Sache aber, als die Lehrerin wieder da war. Die Kinder wollten ihren „Hilfslehrer“ haben. Wenige Tage später bestellte mich der Direktor in sein Zimmer und fragte mich nach dem Berufswunsch. Ich schilderte ihm meine Situation und er sagte bestimmend, dass ich Lehrer werden sollte. Er hatte mir schon aufgeschrieben, was ich für die Bewerbung brauchte. Ich fühlte mich natürlich wie Bolle und sagte zu. Meine Eltern und Großeltern waren irgendwie über meinen Entschluss fassungslos. Einen Studierten gab es in unserer Verwandtschaft noch nicht. Sie versuchten, mir meinen Entschluss auszureden, doch das bestärkte nur meinen Willen, das Ding durchzuziehen. Die Reaktion der Erwachsenen war verständlich. Oma und Opa Nass sind nicht zur Schule gegangen. Oma hat sich Lesen selbst beigebracht. Schreiben reichte nur für die Unterschrift. Meine Eltern haben vier Klassen einer polnische Schule besucht. Deutsch schreiben ging nur sehr fehlerhaft.

Erinnerungen:

Ich wurde am 27.7.1930 in Tokary, Polen, geboren. Es war unmittelbar vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt in der polnischen Armee. Es war Erntezeit und die Männer fehlten auf den Bauernhöfen bei der Arbeit. So war es auch bei uns zu Haus. Oma Nass und meine hochschwangere Mutter quälten sich bei der Erntearbeit. Bevor ich geboren wurde, hatte Mutter den ganzen Tag auf dem Feld gearbeitet. Einen Monat später begann am 1. September 1939 der Krieg gegen Polen. Unsere Gegend lag in einer Hauptstoßrichtung der Wehrmacht nach Warschau. Der polnische Staat brach nach 14 Tagen zusammen. Unser Gebiet an der Weichsel wurde dem Warthe-Gau angeschlossen. Da es damals üblich war, die Kinder schnell nach der Geburt zu taufen, hat mein Onkel Samuel eine Nottaufe ohne einen Geistlichen vollzogen. In Tokary verbrachte ich meine ersten Jahre, bis der Krieg wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Da unsere Flucht scheiterte, blieben wir in Tokary, anfangs sogar im eigenen Haus. In dieser schweren Zeit mussten wir Kinder viel arbeiten, um über die Runden zu kommen. Jede Arbeit wurde angenommen, um an Nahrung zu kommen. Dazu gehörte Kühe hüten, Hilfe beim Sirupkochen, Kartoffeln sammeln, Arbeit im Haushalt bei Polen, Wolle spinnen etc.

Wir verdanken es der Tüchtigkeit und Klugheit von Oma und Mutter, dass wir nie große Not litten. Da die neuen Bauern auf den deutschen Höfen wenig Erfahrung mit der Landwirtschaft hatten, gab es immer wieder Arbeit und Nahrung für uns. Außer meinem Bruder gab es kein deutsches Kind in der Nähe. Wir waren oft dem Hass der Polen gegen die Deutschen ausgesetzt. Mein Bruder war oft mein Beschützer vor Übergriffen polnischer Kinder. Nach unserer Aussiedlung wurde ich im Juni 1949 in Kothendorf eingeschult. Nach der sechsten Klasse besuchte ich die Schule in Warsow (1954 – 1956) Nach dem mich der Schulleiter Pamperin für ein Studiium als Unterstufenlehrer geworben hatte, ging ich zum 1. September an das Institut für Lehrerbildung Dömitz. Ich war schon 17 Jahre alt, meine Mitschüler erst 15. Es war wie in der Schule, nur mit Internat. Ein Problem für die Lehrer waren die unterschiedlichen Voraussetzungen.

Über den Bildungsstand von Großvater Gustav ist mir nichts bekannt, da wir nur selten Kontakt hatten und er auch nach dem Krieg keine Beziehung zu uns hatte. Eine wichtige Hürde war das Aufnahme- oder Eignungsgespräch beim Rat des Kreises Schwerin/Land mit der Volksbildung. An das Gespräch kann ich mich nicht mehr erinnern. Nach kurzer Zeit kam die Nachricht, dass ich am 1. September 1956 mein Studium als Unterstufenlehrer am Institur für Lehrerbildung Dömitz beginnen konnte.

Das Interview führte Otto Kirchhöfer.