Guled Ildle
aus Luuq, Somalias
30 Jahre

Mein Name ist Guled Ildle und ich bin 30 Jahre alt. Ich komme aus Luuq, einer Stadt im Süden Somalias. Sie liegt in der Region Gedo, zirka 50 km von Äthopien entfernt. Die Stadt hat etwa 6000 Einwohner. Auch ich gehörte einmal zu ihnen.

Das Leben in meiner Heimatstadt war und ist gefährlich. Bereits seit 1991 herrscht Bürgerkrieg in meinem Land. Meine Kindheit war geprägt von Gewalt und Zerstörung. Auch die Schulzeit wurde durch den Krieg beeinflusst. Ab der achten Klasse konnte ich nicht mehr regelmäßig zur Schule gehen. Oft war sie für mehrere Wochen und Monate geschlossen oder fiel aus. Ich zog nach Mogadischu, die Hauptstadt Somalias, um meinen Traumberuf zu erlernen. Ich studierte Journalismus.

Obwohl einige meiner Geschwister schon im Ausland waren und die Bedrohung allgegenwärtig war, glaubte ich in meiner Heimat bleiben zu können. Diese Hoffnung zerschlug sich im August 2010. Meine Kollegen wurden verhaftet, geschlagen, und zu Tode gequält. Mein Vater riet mir dringend, Somalia zu verlassen und irgendwo ein neues Leben zu beginnen. Es blieb mir nichts anderes übrig. Wenn ich leben wollte, musste ich fliehen. Es war ein Weg voller Strapazen, Angst und Ungewissheit.

Die erste Station meiner fünfjährigen Flucht war Äthiopien. Jedoch war es auch hier sehr riskant. Ich war ein Illegaler und hatte kein Recht in diesem Land zu leben. Hier gibt es sehr viele Somalis, die alle vor dem Krieg flüchten. Insgesamt haben schon über drei Millionen Menschen das Land verlassen. Ich wusste, dass ich nicht länger bleiben konnte. Mein gesamtes Geld gab ich für einen Flug nach Russland aus. Das war im Oktober 2010. Das Wetter in Moskau war ein Schock für mich. Es war so kalt, dass mein gesamter Körper schmerzte. Solche Temperaturen war ich nicht gewohnt.

Nach unserer Ankunft musste ich mich entscheiden, wohin ich als nächstes gehen wollte. Mein Entschluss fiel auf London, da meine Schwester dort lebt. In den nächsten 20 Tagen schlug ich mich bis zur Ukraine durch. In Kiew halfen mir ein paar Leute weiter. Manchmal gaben sie mir Essen, manchmal ein wenig Geld. Ich schaffte es bis in die Slowakei. Dort endete meine Flucht abrupt, da uns slowakische Grenztruppen aufspürten.

Mit mir waren noch andere Geflüchtete. Wir sollten ihnen Geld geben, erst dann würden sie uns helfen. Doch dies war gelogen. Obwohl wir bezahlten, nahmen uns die Grenztruppen fest uns verfrachteten uns in ein Auto. Wir wussten nicht, was passierte und wohin wir fuhren. Sie brachten uns geradewegs in die Hölle, in ein Militärgefängnis aus dem Weltkrieg, Nahe der weißrussischen Grenze. Ich kann kaum beschreiben, wie furchtbar es war. Die Lebensbedingungen waren miserabel. Essen bekam man nur durch eine kleine Klappe in der Tür. Hygienische Einrichtungen gab es keine. Ich konnte 30 Tage lang nicht duschen. Auch Betten suchte man hier vergeblich. Die Heizung war extra abgestellt oder nicht vorhanden. Das Schlimmste jedoch war die Behandlung durch die Gefängniswärter. Du warst niemand, hattest keine Identität, keinen Namen. Du warst Nichts. Das zeigten die Wärter sehr deutlich.

Eines Tages wurden wir in einem sehr engen und kleinen Fahrzeug zu einem Gericht gefahren. Dort teilten die Männer uns nach unseren Herkunftsländern auf. Auf der einen Seiten standen Afghanen und Kenianer und auf der anderen Seite waren Somalier und Syrer. Die erste Gruppe musste zurück in ihr Heimatland und die zweite Gruppe, meine Gruppe, wurde in ein weiteres Heim gebracht.

Auch diese „Unterkunft“ war schrecklich. Jeden Tag mussten wir sehr hart arbeiten, selbst bei Krankheit. Weit und breit gab es kein Dorf, keine Zivilisation. Nur uns und ein weiteres Gefängnis für Geflüchtete. Oft hatte ich Todesangst. Sechs Monate dauerte dieses Martyrium.

In dieser Zeit lernte ich einen Franzosen kennen, der für die "international organisation for migration" arbeitet. Ich hatte die Hoffnung, durch ihn, das Gefängnis verlassen zu können. Schnell wurde klar, dass eine Freilassung, aufgrund meines Alters, nicht in Frage kam. Ich fragte ihn, warum ich hier sei. Er sagte: „Es gibt keinen Grund. Die Regierung und das Militär sind korrupt und das Land tut euch Unrecht." Niemand konnte oder wollte mir helfen, bis ich eine UN-Beauftragte in Kiew traf, die es schaffte, mich aus dem Gefängnis freizubekommen. Die Zeit im Gefängnis hat mir sehr zugesetzt. Ich war am ganzen Körper mit Wunden übersät.

Im Mai 2011 öffnete sich das große Tor und ich konnte die Hölle verlassen. Ich wollte nur weg. Die Frau, die mir geholfen hatte, gab mir einen Computer, um meine Mails zu checken. Ich hatte viele Nachrichten von der Familie und von Freunden. Alle machten sich große Sorgen um mich. Ich konnte wieder Kontakt aufnehmen, so auch zu meinem Bruder, der in Amerika lebt. Finanziell völlig am Ende, konnte er mir aushelfen. Als das Geld eintraf, plante ich meine weitere Flucht. Ich versuchte es über Ungarn in die Slowakei. Hier wurde ich erneut abgefangen und von den Grenztruppen gestoppt. Sie registrierten mich und fuhren anschließend mit uns in ein Heim. Dieses Heim war anders. Ich durfte mich frei bewegen und es gab Betten und Essen. In der ersten Woche habe ich kaum mein Bett verlassen, da mein Körper viel Zeit zum Regenerieren brauchte. Ich konnte meine Gedanken ordnen und kam wieder zu Kräften. Doch auch dieses Land ist nicht gut zu Geflüchteten.

Mit dem Bus durch Polen, erreichte ich 2012 Deutschland. Mein Plan war es, von dort über die Niederlande nach London, zu meiner Schwester zu gelangen. Jedoch wurde daraus nichts.
In Dortmund angekommen traf ich einen Mann, der mir half. Er schrieb mir auf die Hand: "Ich bin Asylant und brauche Hilfe." Diesen Satz sollte ich jedem zeigen, dem ich begegnete. Er riet mir, zur Polizei zu gehen. Die Polizisten registrierten mich und schickten mich nach Brandenburg. In Eisenhüttenstadt traf ich am 24. Dezember 2012 ein. Die Zustände dort waren miserabel.

Mein Leben veränderte sich, als ich im März 2013 nach Hennigsdorf kam. Ich schöpfte wieder Hoffnung. Hier lernte ich Kathrin Willemsen kennen. Sie half mir, einen Platz in einem der Integrationskurse zu bekommen. In Deutschland hatte man als Somali kein Recht auf diesen Kurs, aber mit Kathrin an meiner Seite haben sie eine Ausnahme gemacht. Ich dachte, dass es jetzt aufwärts geht, ich zur Ruhe komme und meine Angelegenheiten regeln könnte. Aber es war nicht so. Ich erhielt ein Schreiben, in dem mir die Abschiebung in die Slowakei mitgeteilt wurde. Dorthin zurück, wo ich eine so schreckliche Zeit erlebte. Es brach eine Welt für mich zusammen. Ich war so niedergeschlagen und frustriert, dass ich jeden Versuch, mich zu integrieren stoppte und mich völlig zurückzog.

Meine Lage verbesserte sich erst wieder als ich zu einer Familie nach Bergfelde zog. Dort bekam ich einen eigenen Raum und fing wieder an zu lernen. Die Familie war sehr herzlich und nett zu mir. Um mich noch weiter zu integrieren, absolvierte ich für einen Monat lang in einem Kindergarten ein Praktikum, arbeitete bei Pflanzen - Kölle und in einer Werkstatt in Bergfelde. Der Chef war so zufrieden mit mir, dass er mir eine Ausbildung anbot. Ich hätte sie sehr gern angenommen, aber ich hatte keine Arbeitserlaubnis. Bald darauf bekam ich eine Wohnung in Hennigsdorf. Viele Menschen halfen mir, die Wohnung bezugsfertig und wohnlich zu gestalten. Wir renovierten, putzten und dekorierten. Menschen unterstützten mich mit Materialen und Geld.

Ich lebe nun schon drei Jahre in Hennigsdorf. Die Menschen kennen mich in der Stadt und grüßen herzlich. Ich konnte sogar der Polizei helfen, die mich als Übersetzer brauchten. Daraufhin legte ich einen Wachdienstschein ab. Ich wollte arbeiten, hatte Freunde gefunden und Deutsch gelernt. Die Chancen eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis auf Zeit zu bekommen, schienen nicht schlecht zu sein. Eine Voraussetzung hierfür ist aber eine sichere Arbeitsstelle. Von Beruf bin ich Journalist. Als dieser wollte ich eigentlich nicht mehr arbeiten. Auch mein Vater riet mir, nie wieder als Journalist tätig zu sein, da dies der Grund meiner Flucht war.

Trotzdem absolvierte ich beim Tagesspiegel einen Workshop. Wir sprachen viel über wichtige Themen, diskutierten und ich hatte viel Spaß. Ich weiß, dass das mein Leben ist. Journalist bin ich mit ganzer Seele. Jetzt bin ich beim Tagesspiegel angestellt. Ich führte bereits ein Interview mit Peter Altmaier zu der Frage: „Warum gibt es nicht genügend Integrationskurse?" Allein über diese Frage diskutierten wir zwei Stunden lang auf Englisch und Deutsch. Bald soll noch ein Interview mit Angela Merkel folgen.

Für meine Zukunft wünsche ich mir, dass ich in Deutschland bleiben kann. Ich möchte meine Mutter und meine kleine Schwester, welche noch in Somalia leben, wiedersehen. Meine anderen Geschwister, die in Amerika, London und Saudi-Arabien leben, würde ich auch gern besuchen. Natürlich hoffe ich auch, dass sich die Lage in Somalia beruhigt und kein Krieg mehr herrscht.

Für Deutschland wünsche ich mir ebenso, dass mehr Menschen Courage zeigen. Auch hier merkt man, dass Rassismus wiederkehrt. Manche Situationen mit ausländerfeindlichem Hintergrund sind mir bereits widerfahren. Ich weiß, dass in Hennigsdorf und Umgebung auch gute Menschen leben, aber sie sollten es auch zeigen und ihre Hilfe anbieten. Meiner Meinung nach sollten auch die Städte mehr zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Gemeinsam können wir mehr erreichen.

Michelle Leppak, Alicia Birka und Geena Michelczak