Ilse Ihde
aus Ploss in Asch/Sudetenland
Jahrgang 1941

Bereits 1943 erarbeiteten die UdSSR und die tschechische Exilregierung in London Pläne zur Vertreibung der Deutschen. 1946 begann für meine Familie die organisierte Vertreibung. Ich war damals fünf Jahre alt und habe sehr wenige Erinnerungen. Ich kann nur erzählen, was ich aus Berichten meiner Eltern kenne.

Als die Siegermächte beschlossen, dass die Deutschen ihre Heimat verlassen müssten, dachten sie daran, dass man die Deutschen, die in irgendeiner Form Widerstand gegen den Faschismus geleistet hatten, etwas humaner behandeln sollte. Also wurden so genannte Antifa-Transporte zusammengestellt. Dazu gehörten Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Mitbürger, die Juden versteckt hatten. Hatte eine Person in der Familie diese Vergangenheit, so konnten sie mit den nächsten Familienangehörigen die Sonderregelung nutzen. Das hieß, man konnte die wichtigsten Dinge, die man besaß, mitnehmen, aber sehr eingeschränkt. Keine, wie wir heute sagen, Luxusgüter. Keine Nähmaschinen, Goldschmuck oder Bücher. Fotoapparate und Radios mussten sofort nach Kriegsende abgegeben werden. Die große Welle der Flucht aus dem Osten war schon praktisch vorbei und die Familie von meinem Vater, die nicht diesen Antifa-Transport hatte, war schon in Westdeutschland. In Bayern, Franken oder an der Rhön. Sie wurden alle in kleinere Städte, die noch etwas frei hatten, verteilt. Aber, wie gesagt, die waren alle schon vor uns weg.

Häuser, Grundstücke und Geld wurden enteignet. In Güterwagen verfrachtet fuhren 85 Familien Anfang September 1946 ohne Bestimmungsort in Richtung Deutschland. Eine Woche dauerte die Fahrt; wir fuhren bis an die Ostsee und landeten schließlich in Hennigsdorf. Hier lebten wir in den verlassenen Fremdarbeiter-Baracken unter kaum vorstellbaren Verhältnissen vom 19.9.46 bis zum 05.12.46. Von hier aus versuchten nun bestimmte Männer und örtliche Behörden unsere nächste Unterbringung zu organisieren. So kamen wir in die Umgebung, d.h. Hennigsdorf, Leegebruch, Schönwalde und Falkensee.

Bei diesem Antifa-Transport haben wir für viele Freunde Dinge mitgenommen, zum Beispiel Geschirr. Das durften die anderen nicht. Nur Bettzeug oder Töpfe. Die hatten nicht mal Möbel. Als dann alle irgendwie ankamen, trafen wir uns, um ihnen die Sachen zurückgegeben. Aber insgesamt war die Kommunikation schwer.

Meine Familie erhielt zwei winzige Zimmer – ohne Toilette. Die Familie, die uns diese Räume zur Verfügung stellen musste, war kinderlos und freute sich letztendlich doch, dass sie plötzlich ein Kind im Haus hatten. Dazu kam, dass meine Eltern noch jung waren und beide handwerklich sehr geschickt. So halfen sie sich gegenseitig und für mich gab es hin und wieder kleine Überraschungen. Mein erster Eindruck als Kind war gar nicht so schlecht. Es war nur wichtig, alle meine Bezugspersonen um mich zu haben. Ich hatte beide Eltern, meine Oma, meine Tante und meinen kleinen Cousin. Über den Zielort hat man sich kaum Gedanken gemacht. Man musste einfach dahin, wo alle hin mussten. Meine Familie war handwerklich begabt, was ich nicht von mir behaupten kann und hat überall mit angepackt. Aber der Hunger war allgegenwärtig. Ich war ein Einzelkind, das hat es etwas erleichtert. Bei großen Familien war das Essen noch lange rationiert. Aber in so einer schweren Zeit halten die Leute unglaublich zusammen.

Als hilfreich für das Eingewöhnen in der Fremde stellte sich heraus, dass es viele Familien gab, die sich schon aus der alten Heimat kannten oder im Lager kennengelernt hatten. Oft wurden wir in Falkensee oder Berlin von fremden Menschen angesprochen, die nach unserer Herkunft fragten. Es stellte sich oft heraus, dass sie auch aus dem Sudetenland waren, manchmal nur aus einer anderen Gegend.

Die geschmuggelten und gut versteckten Nähmaschinen sorgten in vielen Familien für den ersten - wörtlich genommen - Broterwerb. Mein Vater, von Beruf Glaser, hatte seine Glasschneider dabei und konnte so relativ schnell etwas verdienen. In Schönwalde haben die Vertriebenen angefangen, sich zu treffen und aus Fallschirmseide etwas zu nähen. Das war das erste, was sie hier tun konnten. Es gab ja keine Arbeit.

Dann bin ich in Falkensee in die Schule gekommen. In jeder Klasse waren mindestens 40-45 Kinder. Falkensee war auf so etwas nicht vorbereitet. Die meisten Kinder waren Vertriebene, nur wenige stammten aus dem Ort.

Allerdings sind nicht alle nach Deutschland gegangen. Einige blieben im Sudetenland. Es wurde nicht darauf geachtet, dass alle weg mussten. Viele konnten aber gar kein Tschechisch. Meine Mutter sah das als Zeichen, dass die Tschechen uns weitgehend in Ruhe ließen. Ohne die Sprache zu können, machte es wenig Sinn, dort zu bleiben. Später dachten wir manchmal, wir hätten uns vielleicht mehr Mühe geben können. Wir lebten ja schließlich in der Tschechoslowakei. Aber man hat es ja nicht gebraucht. Wir hatten so einen schlimmen Dialekt.

In der neuen Heimat war ich dann die Attraktion. Da waren welche, die waren vier, fünf Jahre älter als ich und wohnten uns gegenüber. Sie fragten oft:„Und, was macht die Ilse? Das war ja die Einzige, die keinen Dialekt konnte!“. Wenn wir bei Verwandten, z.B. in der Rhön waren, sprachen alle Dialekt. Ich habe mir das eine Weile angehört und dann auch versucht, so zu sprechen. Die haben sich weggeschmissen vor Lachen. Wenn mein Cousin Langeweile hatte, hat er gesagt, ich solle im Dialekt sprechen und dann hatte er was zu lachen. Meine Eltern achteten immer peinlichst darauf, dass wir Hochdeutsch sprachen. Für meine Mutter war Falkensee ein Dorf mit endlosen Straßen. Ihr haben die Berge sehr gefehlt. Sie hätte gern ihre alte Heimat besucht. Für meinen Vater war das ein Tabu. Er ist nie mehr zurückgegangen. Alles, was sie sich dort aufgebaut hatten, wurde ihnen weggenommen. Andere sind zurückgefahren Die meisten aber wollten eigentlich einen Schlussstrich ziehen.

Interview geführt von Lydia Scherwinski