Job Tchitchouang
aus Ndoungue / Kamerun
32 Jahre

Mein Name ist Job und ich komme aus Kamerun, Zentralafrika. Meine Kindheit war glücklich und unbeschwert. Ich habe gern in Kamerun gelebt. Doch etwas änderte sich mit der Zeit. Die Demokratisierung 1999 von Nigeria brachte das Land selbst und seine Nachbarländer ins Wanken. Islamische Gruppen übten immer mehr Druck auf die Regierung aus und Islamisierungstendenzen wurden erkennbar.

Daraufhin wurde im Norden von Nigeria die Scharia* eingeführt. Offiziell gründete sich die terroristische Gruppe Boko Haram 2002. Sie setzen sich für die Einführung des religiösen Gesetzestextes ein und verbieten die westliche Bildung. Ihr Ziel ist die Ermordung von christlichen und muslimischen Gläubigen, die nicht ihre Ansichten teilen. Seit ihrer Gründung verübt Boko Haram immer wieder Terroranschläge auf die Bevölkerung von Nigeria, aber auch auf die Menschen der Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger. Dabei werden Menschen verletzt und getötet.

Auch ich bekam Probleme mit der Terrorgruppe. Wir mussten uns verstecken, damit sie uns nicht rekrutierten. Während eines wiederholten Überfalls auf mein Dorf vergewaltigten und töteten sie meine Frau. Da war für mich klar, dass ich weg musste.

Glücklicher Weise waren meine drei Kinder bei meiner Mutter im Nachbardorf. Ihnen war nichts geschehen. Die Jungen waren damals fünf und zwei Jahre alt. Der Jüngstgeborene erst zwei Monate alt. Ich habe sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. Vor der Flucht hatte ich sehr große Angst. Jedoch blieb mir keine andere Wahl, denn ich wollte leben. So verließ ich 2010 meine Familie und das Land. Meine Entscheidung traf ich in dem Moment und so blieb keine Vorbereitungszeit. Meine Flucht bestritt ich mit meinem Cousin Herve.

Von Kamerun floh ich nach Nigeria, wo Boko Haram auch Angst und Schrecken verbreiten. Ich wollte so schnell wie möglich dort weg und ging nach Niger. Dort angekommen, wurden wir inhaftiert, da wir kein Visum besaßen. Im Gefängnis von Niger gab es sehr wenig Essen und auch der Platz war begrenzt. Jeder Tag war sehr schwer für mich. Gewalt und Demütigungen waren an der Tagesordnung. Ganze zwei zwei Wochen musste ich es in diesem Gefängnis aushalten. Danach wurde ich freigelassen.

Das nächste Ziel war Algerien. Zwischen Niger und Algerien ist eine Wüste. Weit und breit war nichts als Sand. Eine Woche durchquerten wir die Wüste, ich mit einigen Schicksalsgefährten. Jeder von uns hatte nur fünf Liter Wasser bei sich. Die brennende Hitze und die Erschöpfung brachten uns an unsere Grenzen. Einige haben die Wüste nicht überlebt. Menschen sind direkt vor meinen Augen gestorben.

In Algerien angekommen flohen wir weiter nach Marokko. Hier mussten wir uns verstecken, da wir ja illegal dort waren. Ich lebte mit einigen Anderen im Wald. Diese drei Jahre waren unvorstellbar schwer. Im Sommer ging es noch, aber im Herbst und Winter. Wir bauten uns kleine Hütten aus Müllsäcken und irgendwelchen Materialien, um uns vor der Kälte zu schützen. Regelmäßig machten die dortigen Sicherheitsdienste Razzien und verjagten uns. Sie zerstörten dabei immer alles und brannten es ab. Es war nicht einfach Essen zu besorgen. Oft genug musste ich darum betteln oder aber ich wühlte im Müll. Man macht viel, um nicht zu verhungern und zu verdursten. Es waren kaum vorstellbare, unmenschliche Zustände. Ich wollte nur in Sicherheit leben, mehr nicht.

Meine Geschichte ist keine gute Geschichte. Auch die nächste nicht. Zwischen Marokko und Spanien, also der Europäischen Union, wurde dieser 24 Kilometer lange und sechs Meter hohe Zaun gezogen, um die Flüchtlinge abzuschrecken. Es ist aber der einzige Weg, um ohne die Überquerung des Mittelmeeres nach Europa zu kommen. Mein Cousin Herve und ich versuchten es, wie viele andere über diesen Zaun zu kommen. Herve wurde von Geschossen getroffen, fiel herunter, schlug sich den Hinterkopf so stark auf, das er starb. Mich hat man angeschossen, schlug mich und trat mir das Knie kaputt.

Ich kam in ein Krankenhaus, das Bein wurde eingegipst und das war alles. Sie haben nichts weiter gemacht, mich drei Wochen so liegen gelassen. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen, mein Knie war höllische heiß. Ich floh wieder in den Wald, schlug mit einem Stein den Gips kaputt und versuchte mich selbst zu heilen. Drei Monate lang massierte ich mit am Feuer gewärmten Steinen das Knie. Medizin hatte ich nicht, ich musste es schaffen.
Niemand half mir, ich konnte nicht laufen, brauchte Essen und Trinken. Ich habe allein trainiert und jetzt ist es besser. Aber ein Arzt hat sich das bis heute nicht angesehen.

Mit einem Boot kam ich nach Spanien und im Oktober 2014 nach Deutschland. Ich war sehr überfordert mit der Situation, da ich in einem Land war, in dem ich niemanden kannte und auch die Sprache nicht sprechen konnte. Ich war sehr erschöpft von der Flucht. Nachts in Essen angekommen, wurde ich in ein Gefängnis gesteckt. Am nächsten Morgen zum Aufnahmeverfahren wurde ich wieder entlassen. Sie stellten meine Personalien fest und nahmen Fingerabdrücke. Von dieser Behörde bekam ich die Aufforderung mich in Dortmund zu melden. Man sagte mir weder wie ich da hinkomme, noch bekam ich Geld für einen Fahrschein.

Jedoch gab es keinen anderen Weg für mich als mit dem Zug nach Dortmund zu fahren. Nur bei pünktlichem Erscheinen konnte ich einen Asylantrag stellen. Ich fragte Passanten auf der Straße, ob sie mir Geld für ein Ticket oder wenigstens Auskunft über den Fahrplan geben könnten. Die Menschen, die ich gefragt habe, konnten oder wollten mir nicht helfen und so blieb mir nichts Anderes übrig als ohne Fahrschein in den Zug zu steigen.

Ich hatte Angst, dass ich kontrolliert werde, habe mir aber vorgenommen dann meine Situation so gut es eben geht, zu erklären. Ich hatte Glück und kam rechtzeitig in Dortmund an. Dort wurde mir geholfen und ich bekam Essen, sowie eine Unterkunft zum Schlafen. Nach zwei Wochen sollte ich nach Eisenhüttenstadt. Für diese Fahrt bekamen wir den Fahrschein und Verpflegung. Als wir am Ostbahnhof Berlin ankamen, war es 2.00 Uhr morgens. Alle waren müde und kaputt. Wir mussten uns wieder durchfragen. Wo fährt der nächste Zug ab, wie kommen wir zum entsprechenden Bahnsteig? Jedoch wollte keiner helfen. Wir konnten nirgendwo hin. Wir kamen nicht weiter und setzten uns auf den Weg, auch um auszuruhen, um neue Kraft zu sammeln. Wir hatten große Angst, da in diesem Moment alles hätte passieren können. Wir wussten, dass es ausländerfeindliche Gruppen gibt und wollten ihnen nicht begegnen. Die Polizei griff uns auf und brachten uns in eine Unterkunft.

Von Eisenhüttenstadt ging es für mich weiter nach Lehnitz in ein Flüchtlingsheim. Hier leben viele Menschen aus vielen verschiedenen Nationen. Ich habe bereits ein paar Freunde gefunden. Zu Beginn meiner Flucht wusste ich noch nicht, in welchem Land ich einmal leben würde. Ich wollte nur in Sicherheit und Frieden. Das ist in Deutschland möglich. Es gibt ein Asylrecht und die Regierung tut viel für Geflüchtete. Natürlich gibt es auch hier, wie in anderen Ländern, schlechte und gute Menschen. Auf meiner Flucht habe ich gelernt, dass nicht alle Menschen dich mögen und dir helfen wollen. Deswegen sind die Menschen, die das tun umso wichtiger. Ich habe von Anfang an versucht mich zu integrieren und Kontakte zu knüpfen.

Selbstverständlich versuche ich auch so oft wie es geht, mit meiner Familie und meinen Freunden in Kamerun zu sprechen. Durch WhatsApp und Facebook ist das leicht. Ich wünsche mir für meine Zukunft, dass ich in Deutschland bleiben kann, da ich mein weiteres Leben hier verbringen will. In Kamerun war ich von Beruf Bankangestellter. Diese Arbeit möchte ich in Deutschland nicht ausüben, da es mich zu sehr an meine Heimat erinnert. Auch die nötige Konzentration fehlt mir, da ich das Erlebte noch verarbeiten muss.

Vielmehr strebe ich eine Ausbildung als Handwerker an oder auch eine Arbeit mit Behindertes kann ich mir gut vorstellen. Langsam komme ich zur Ruhe und kann mein Leben ordnen. Es gibt gute und schlechte Tage. Oft muss ich an meinen Cousin denken. Ich habe alles gesehen und die Bilder sind in meinem Kopf. Ich sah Vergewaltigungen, Mord und Tod.

Ich fühle mich hier wohl und bin froh Menschen getroffen zu haben, die mir und anderen helfen. Deutschland bedeutet für mich eine neue Heimat gefunden zu haben.

Michelle Leppak, Alicia Birka und Geena Michelczak

*Der Begriff Scharia bezeichnet das islamische Recht; es enthält die Gesamtheit der Gesetze, die in einer islamischen Gesellschaft zu beachten und zu erfüllen sind. => Wikipedia