Käthe Malkowski
aus Strehlen/Schlesien
Jahrgang 1935

Mein Name ist Käthe Malkowski, ich komme ursprünglich aus dem ehemals schlesischen Gebiet. Durch die Flucht und die spätere Vertreibung bin ich mit meiner Mutter, meiner Großmutter und meinem Bruder nach Mitteldeutschland gekommen.

Wo sind Sie geboren?

Ich bin 1935 in Strehlen geboren, das heißt ich bin jetzt 80 Jahre alt. Ich habe die ganzen Jahre in der DDR verbracht, habe hier meine Schulausbildung gehabt, habe studiert. In dieser Zeit von 1950 bis zur Wende 1989,war es mir nicht möglich, nach Strehlen zu reisen. In Schlesien habe ich meine Kindheit bis 1947 verbracht. Meine Eltern hatten eine Gärtnerei, beide waren Gärtner. Ich habe auch einen Bruder, der ist vier Jahre jünger als ich. Die gesamte Verwandtschaft lebte so im Umkreis um Strehlen und in Strehlen selbst. Die Familie hielt immer sehr zusammen, aber durch die Flucht und den Krieg sind wir eben völlig auseinandergerissen worden. Wir haben uns erst in Bayern und teilweise auch in Frankfurt/Oder wiedergetroffen.

Haben Sie sich in ihrer Kindheit schon mit dem Gedanken beschäftigt, irgendwann von zu Hause wegzugehen, zu flüchten?

Nein, überhaupt nicht. Noch 1944 im Herbst haben wir es hier in Streheln nicht für möglich gehalten, dass dieser Ort im Laufe des Krieges irgendeine Rolle spielen würde. Aber dann - im September/ Oktober - kamen Flüchtlinge von noch weiter aus dem Osten aus Oberschlesien. Ich bin im September in die dritte Klasse gekommen. In den Monaten September, Oktober war noch Unterricht, dann wurden die Schulen geschlossen, um dort die Flüchtlingen unterzubringen.

Der Winter 1944/45 war unglaublich hart. Die vielen Menschen mussten unter diesen Bedingungen versorgt werden. Dazu bekamen wir die Bombenangriffe auf Breslau mit. Der Krieg kam immer näher. Daran habe ich noch sehr lebhafte Erinnerungen. Die „Weihnachtsbäume“ beleuchteten die Stadt, wenn die Sprengbomben herunterkamen. Um Weihnachten 1944 herum hieß es dann, dass die in den Schulen und umliegenden Gutshöfen untergebrachten Flüchtlinge raus müssten. Die Front näherte sich und das ging sehr schnell.

Im Januar hörten wir bereits die Kanonen, ungefähr 50, 60 Kilometer von Strehlen entfernt. Mein Vater war damals Soldat und galt zu diesem Zeitpunkt bereits als vermisst. Das war für meine Mutter etwas ganz Furchtbares, das kann man sich gar nicht vorstellen. Besser, wir hätten sofort die Wahrheit erfahren, dass er gefallen war.
Meine Mutter wollte trotz vieler Warnungen den Ort nicht verlassen. Der Grund war vor allem die Gärtnerei, mit wunderschönen, erst 1939 fertig gestellten, großen Gewächshäusern. Unterdessen war die Temperatur auf minus 20 Grad gesunken. Das hätte den Tod dieser wunderbaren Pflanzen in den Gewächshäusern bedeutet. Meine Eltern hatten die Verwaltung des Friedhofes übernommen. Nach dem mein Vater einberufen wurde, musste meine Mutter das alles allein bewältigen. Wer hätte das übernommen, wenn sie alles aufgegeben hätte?

Sie hatte sich also dazu durchgerungen, meine Großmutter, meinen Bruder und mich zur Flucht zu bewegen. So sind wir zu dritt zum Bahnhof. Dort stellte sich heraus, dass der Zug aus unbeheizbaren Viehwaggons bestand. Es hieß, es ginge in Richtung Westen. Wir sind am 18. Januar 1945 abgefahren und in Hirschberg am 24. Januar angekommen. Unser Zug wurde oft auf Nebengleisen abgestellt, um Verwundeten- und Munitionstransporte vorzulassen. Es war fürchterlich kalt. Manchmal bekamen wir in einer Bahnhofsgaststätte warmes Essen. Da habe ich eine schlimme Erinnerung. Wenn die Nacht hereinbrach, wurde es immer stiller. Es gab ja keine Beleuchtung, nur manchmal eine Taschenlampe. Mein jüngerer Bruder, er war damals fünf Jahre alt, sagte:„Omi, wär’s nicht besser, wenn wir alle tot wären?“ Da hat der ganze Waggon angefangen zu weinen. Wenn ich bloß daran denke, bekomme ich Gänsehaut.

Wir flohen vor der herannahenden Front. Flucht ist für mich, wenn man freiwillig weggeht, weil ein drohendes Unheil, zum Beispiel Krieg, naht.

Wir hatten in Hirschberg recht weitläufige Verwandte, die haben uns bis März 1945 aufgenommen.
Am 31. Januar gab es einen schweren Bombenangriff auf Strehlen. Das hat dann meine Mutter dazu veranlasst, doch den Ort zu verlassen. Als ich dann etwas älter war, hab ich immer gedacht: "Was muss das für sie bedeutet haben, diese Gewächshäuser abzustellen?“ Sie ist dann mit einem der letzten Verwundetentransporte aus Strehlen entkommen und Mitte Februar in Hirschberg angekommen. Dort haben wir uns dann mehr recht als schlecht ernährt.

Mitte März war Breslau eine Festung, da hat sich die Front konzentriert und um Breslau herum wurde gekämpft. Die sowjetische Armee konzentrierte sich auf Berlin, um vor den Engländern und Amerikanern die Hauptstadt einzunehmen.
Dann kam der Befehl, Hirschberg zu räumen. Niemand wusste, wohin wir gehen sollten. Wir hatten auch Verwandte in Glaz, das aber weiter im Osten lag. Heute weiß ich, dass wir die ganze Zeit im schlesischen Raum geblieben sind. Jedenfalls sind wir mit dem Zug über Tage nach Glaz gefahren. Dort lebten die Schwiegereltern meiner Tante mit ihren drei Kindern. Wir blieben dort bis Mitte März und hatten sogar noch Unterricht.
Ich weiß das heute noch, wir mussten dann immer zu so einer alten verknöcherten Lehrerin. An Hitlers Geburtstag im April mussten wir den Führer grüßen, die Frau war total überzeugt von dem faschistischen System. Wir mussten aufstehen und haben uns dann immer nur lustig gemacht. Wir waren ja Kinder. Sie hat uns dann wirklich dazu gebracht, das Deutschlandlied zu singen. Sogar zu Hitlers Selbstmord am 30. April.

Kriegsende

Den 8. Mai, den Tag der Kapitulation, haben wir noch in Glaz erlebt. Zwei Tage später - es gab kaum noch etwas zu essen und zu trinken - haben mein älterer Cousin und noch ein Junge aus dem Haus den Keller verlassen. In der Stadt wurde geplündert. Sie kamen mit Butterschmalz, einem Eimer Marmelade und solchen Sachen wieder.
In dieser Zeit wurde um Strehlen immer noch gekämpft, aber unser Haus stand noch. Meine Tante und meine Mutter haben, solange es möglich war, noch Sachen dort herausgeholt, Vor allem Eingewecktes. Für meine Mutter war es am Schwersten. Sie hatte die verwahrlosten Gewächshäuser vor Augen.

Hatten Sie in Glaz schon Vorstellungen davon, wie es weitergehen sollte?

Für uns war es wichtig, so schnell wie möglich in die Heimat, zurück nach Strehlen, zu kommen. Dort war ja unsere Lebensgrundlage. Offiziell hieß es, alle Flüchtlinge sollten zurück in ihre ursprünglichen Gebiete. Wir haben dann auch gepackt; hatten Handwagen organisiert und sind dann los. Mein Bruder war fünf, ich war neun Jahre alt. Meine Cousins, Cousinen, meine Tante, wir alle sind zu Fuß von Glaz bis Strehlen gelaufen. 14 Tage haben wir dafür gebraucht. Wir mussten über die Gebirge und durch kleinere Dörfer, wo wir dann im Heu oder Stroh übernachtet haben. Je näher wir Strehlen kamen, umso schwieriger wurde der Transport, es wurde ja auch immer heißer. Wir durften nur die Straße benutzen. Jeder Schritt daneben konnte tödlich sein. Wir haben das selbst erlebt, was passieren konnte. Jemand ging über den Straßengraben auf das Feld. Es gab einen fürchterlichen Knall: Er war auf eine Mine getreten. Das war schrecklich.

Zu Hause?

Ganz langsam sind wir dann bis Strehlen gekommen. Unser Ziel: Promenadenstraße 6, das war damals unsere Hausnummer. Wir sahen aber schon von weitem, dass das Haus nicht mehr war, es stand nur noch eine Ruine. Meine Mutter ist dann 50 Meter davor richtig zusammengebrochen. Sie kniete vor diesem Wagen, schluchzte und weinte. Ich versuchte sie zu trösten, sie konnte und konnte sich nicht beruhigen. Später sagte sie, sie wusste nicht was schlimmer gewesen wäre, die Nachricht, dass mein Vater vermisst wäre, das Abstellen der Gewächshäuser oder das zerstörte Haus zu sehen.

Strehlen war eine wunderschöne kleine Stadt gewesen, aber die Häuser waren nun fast alle zerstört. Bevor die Deutschen die Stadt dann endgültig verlassen mussten , wurden alle Türme aus taktischen Gründen gesprengt. Nicht weit von unserem Haus stand noch die Baronie, dort sind wir erst einmal untergekommen.

Im Juni war Strehlen von sowjetischen Truppen besetzt, aber es wurde ein deutscher Bürgermeister eingesetzt. Die verbliebenen Häuser wurden nicht von den Besatzern benutzt, sondern sie hatten ihre eigenen Baracken. Am ersten Juli sollte die Schule wieder beginnen. Allerdings wurden die Schulen geschlossen, da das Gebiet den Polen übergeben wurde. Damals wurde die Neiße als Grenze festgelegt. Es gab jedoch die Neiße zweimal, einmal die am heutigen Grenzverlauf und einmal verlief sie durch Glaz. Gemeint war damals eigentlich die Glazer Neiße.

Als nun die Polen Strehlen übernahmen, verschlechterte sich unsere Lage erheblich. Zum Arbeiten, egal ob zum Gräben ausheben oder sogar zum Entminen, haben sie die alten Männer eingesetzt. Ich hab es noch des Öfteren miterlebt, wie jemand … ja. Die Russen kamen vor allen Dingen nachts. Sie holten sich das, was ihnen gefiel. „Uhr, Uhr!“ war eines dieser Worte, und dann: „Frau, Frau kommt mit!“. Was das bedeutete, wusste jeder. An der Baronie war unter unseren Fenstern so ein Schuppen gebaut und man konnte auf das Dach. Immer, wenn unten an die Haustür gedonnert wurde, verschwand meine Mutter auf das Schuppendach. Das war fast jede Nacht so, bis die Polen kamen. Dann zogen sich die Russen zurück und die Polen übernahmen die Verwaltung. Viele von ihnen kamen aus dem ukrainischen Gebiet und weiter östlich aus Galizien. Galizien war zu der Zeit eine bitterarme Gegend. Nach den Beschlüssen der Alliierten auf der Konferenz von Jalta wurde die Westgrenze der Sowjetunion auf das polnische Gebiet verschoben. Daraufhin wurden die Einheimischen von ihren kleinen Höfen vertrieben. So kamen Teile von ihnen auch nach Strehlen. Wir wussten das ja nicht. Es gab ja keine Zeitung, kein Radio. Sie kamen in die Häuser, rissen die Wohnungstüren auf und wir wurden rausgeworfen. Wir waren gezwungen, in die untere Seitenwohnung des Hauses umzuziehen.

Das ist für mich der Unterschied: die Vertreibung ist im Gegensatz zur Flucht ein erzwungener Weggang mit dem totalen Verlust von Besitz und Heimat. Was ich heute weiß: Vertrieben waren die Polen damals auch. Zu der Zeit wusste das weder meine Mutter noch sonst irgendjemand. Wir erlebten nur: Die Polen kommen und schmeißen uns raus. Die haben diese schlesischen Gebiete beansprucht. Für Deutsche galten keine Gesetze mehr. Für manche bedeutete dies, dass sie innerhalb eines Tages ihre Wohnungen verlassen mussten. Fortan lebten sie dann in den Ruinen. Gerüchte, nach denen wir hier nicht bleiben dürften, machten die Runde.

Im Herbst 1945 brach dann eine fürchterliche Seuche aus: Typhus. Kaum eine Familie blieb davon verschont. Es gab keine Medikamente. Nur einige konnten im Krankenhaus behandelt werden. In der Baronie lebte beispielweise ein Ehepaar, die hatten zwei Söhne im Kindergartenalter. Beide Kinder bekamen Typhus. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht und überlebten. Beide Eltern wurden krank und starben.
Wir sind durch diesen Sondereingang wahrscheinlich verschont geblieben. Das war der eine Grund, den wir uns zurechtgelegt hatten. Zum anderen hatte meine Mutter eine Freundin, die hatte eine Werkstatt mit Fremdarbeitern und verliebte sich in einen Franzosen, natürlich zur Missbilligung der ganzen kleinen Stadt. Der hatte eine kleine Schnapsbrennerei und meine Mutter bekam von ihm jede Woche eine kleine Flasche Schnaps geschenkt. Sie hat uns davon jeden Abend einen Löffel gegeben, als Medikament. Vielleicht war es der Schnaps, vielleicht war es die isolierte Lage, jedenfalls hatten wir keinen Typhus.

Meine Mutter hat 1945 wieder die Friedhofsverwaltung und die Buchführung im Pfarramt übernommen. Das war ein Grund, warum wir nicht weg konnten. Im Januar 1946 hatte sie noch Arbeit als Haushälterin bei einer polnischen Familie. Mich nahm sie immer mit, um auf das kleine Mädchen aufzupassen. Ich hab mit der Kleinen nur Deutsch gesprochen, sie konnte dann beide Sprachen recht gut. Ich konnte mich auch auf Polnisch verständigen, jetzt kann ich kein Wort mehr. Jedenfalls mussten wir durch diese polnische Familie nicht mehr hungern.

Anfang 1946 wurden dann die ersten Transporte bereitgestellt. Es hieß ,die Deutschen müssten Schlesien verlassen. Meine Mutter wollte das nicht, sie wurde ja als Friedhofsverwalterin gebraucht. Der Mann der polnischen Familie, bei der wir aushalfen, war in der Verwaltung tätig. Er bot uns an, polnische Staatbürger zu werden. Wir Kinder hätten auch sofort in die Schule gekonnt, aber ich habe "Nein", gesagt. Ich wollte keine Polin sein. Ich sehe mich noch trotzig auf dem Bett liegen: „Ich will nicht, ich will nicht!“

Unterdessen fuhren jede Woche Transporte von Strehlen nach Breslau und von dort weiter in die westlichen Zonen. Dann kam der Sommer und es hieß der letzte Transport würde vorbereitet und wir entschieden, mit zu gehen. Wir verpackten unseren gesamten Besitz. Wir stellten eine große Zinkwanne auf Räder. In den Hohlraum zwischen Wannenboden und Wagen kamen dann Sparbücher, in Watte verpackte Münzen und ähnliches. Es war klar, dass wir kontrolliert werden würden. Dann hatten wir noch eine große Holztruhe und jeder einen Rucksack. Am 14. September war es dann soweit. Wir mussten zum Bahnhof. Auf einer Länge von 100 Metern stand ein Tisch neben dem anderen. Davor musste man stehen bleiben. Bei der Kontrolle wurden wahllos Dinge aus unserem Gepäck geholt. Das wurde dann wesentlich leichter. Das was man gerade noch verpackt und gehortet hatte, wurde einem dann auch noch genommen. Dann passierte es auf einmal. Ich sagte: „Mutti, guck mal da!“ Unter dem Rand der Wanne schaute etwas hervor. Irgendwie hat sie es dann wieder drunter gestopft. Auf jeden Fall ist das nicht aufgefallen. Aber meine Großmutter - ich hab mich damals schon amüsiert - trug ein Toupet, darunter hatte sie Ringe und solche Sachen versteckt. Einige wurden aus der Reihe herausgezogen, auch meine Großmutter. Das Toupet hat sie nicht abgenommen.

Dann ging es in Viehwaggons in Richtung Brelsau. Dort kamen wir auf einem Nebenbahnhof an. Unser Gepäck mussten wir auf kleine Pferdewagen laden. Alles passte gar nicht drauf. Meine Mutter setzte mich oben auf das Gepäck. Sie sagte: „Du fährst hin, wir kommen nach, du weißt, welches unsere Sachen sind, du bleibst bei den Sachen!“ Wie sie das fertiggebracht hat, konnte ich nicht nachempfinden. Jedenfalls bin ich dann schluchzend und weinend mitgefahren. Ich kannte niemanden und fühlte mich verlassen. Auf dem Hauptbahnhof wurde alles ausgeladen. Es hat Stunden gedauert, bis meine Mutter tatsächlich nachkam. Ich weiß bis heute nicht, wie sie mich überhaupt wiederfinden konnte. Auf diese Weise sind damals viele Kinder verloren gegangen.

Dann sind wir in diesen Waggon und waren drei Wochen unterwegs, bis Ziesar. Dort waren Baracken und wir bekamen etwas zu Essen. Wir blieben bis Oktober und kamen dann nach Schönebeck bei Magdeburg.

Wie haben Sie sich Ihre Ankunft in Deutschland vorgestellt?

Ich wünschte mir einfach nur, nach Deutschland zu kommen. Dass man hier auch nicht willkommen war, damit haben wir nicht gerechnet. Was noch alles auf uns zukommen würde, konnte keiner ahnen. Jedenfalls sind wir als Vertriebene in Schönebeck angekommen. Wir wurden dann aufgeteilt, einquartiert in Wohnungen, die bewohnt waren. Wir kamen zu Fuß mit unserem Gepäck zu einem Bauern. Unser Begleiter sagte: „Ich bringe Ihnen ihre Mitbewohner“, und der Bauer antwortete: „Was bringen Sie uns denn da wieder für ein Pack?!“ Das waren die üblichen Begriffe: „Pack, Gesocks, Pollacken, Russenpack“. Nicht bloß von einem, diese Meinung herrschte wirklich. Die Ansässigen gaben auch nichts ab. Es ging sogar so weit, dass man Angst hatte, der angestammte „nordische Charakter“ könnte durch die Vertriebenen geschädigt werden. Ein Zimmer mit zwei Betten und jeweils einem Strohsack belegt wurde uns zugewiesen. Der Winter stand vor der Tür und es gab keinen Ofen. Mein Bruder holte in einer Milchkanne Malzkaffee oder Tee. Bis er bei uns war, war das oft schon kalt. Aber wenigstens hatten wir etwas zu Trinken. Auf der anderen Seite des Hofes war die Futterküche, in der für die Schweine gekocht wurde. Es duftete nach Kartoffeln. Es standen Kühe und Pferde im Stall. Es war also ein richtig reicher Bauer. Natürlich hatte er sein Soll, aber für uns hatte er nicht einmal einen halben Liter Milch übrig. Die Winterversorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln war abgeschlossen, als wir kamen. Es gab keine mehr zu kaufen, und so konnten wir uns nur noch Kartoffelflocken holen. Davon haben wir dann den ganzen über Winter gelebt. Es war furchtbar, es wurde einem schon richtig übel, wenn man es nur gerochen hat.

Wann hatten sie denn das Gefühl, dass Sie wirklich dort angekommen waren?

Das hat lange gedauert. Wir mussten dann auch zur Schule. Es war ja Schulpflicht und wir waren angemeldet. Dem Alter nach hätte ich in die sechste Klasse gemusst, aber ich hatte ja die vierte und fünfte Klasse nicht. Die Sekretärin schickte uns zum Direktor, der gerade eine achte Klasse unterrichtete. Da hat meine Mutter dann geklopft, und sagte: "Ich möchte meine Kinder zur Schule anmelden."
„So, so, anmelden?“ Zu mir gewandt fragte er: „Und du, wie alt bist du?“ Ich sagte ihm, dass ich in die sechste Klasse gehöre. Dann hat er ein Lesebuch aufgeschlagen und ich sollte etwas vorlesen. „Na, wie findet ihr das? Die kann besser lesen als ihr! Du kommst in die sechste Klasse.“ Ich habe auf diese Weise nie eine vierte oder fünfte Klasse besucht. Übrigens Lisa, die Tochter unseres Bauern, ging in die gleiche Klasse.

Ankommen

Ja. Also erst rückten sie alle weg. Wenn man jahrelang nicht in die Schule gehen konnte, dann will man lernen. Ich spitzte nur die Ohren, um alles mitzukriegen, was da vorn passierte. Ich war dann relativ schnell sehr gut. Das war dann der Einstieg, dass ich akzeptiert wurde. Ich habe auch der Lisa oft geholfen. Dann gab es auch ein Butterbrot, welches rübergeschoben wurde. Nach der Schule ging es dann sofort ins Bett. Meine Mutter hat mit meinem Bruder in einem Bett geschlafen, ich mit meiner Oma in dem anderen. Wir hatten ja nur die zwei.

1949 haben wir dann eine Wohnung bekommen, nur dadurch, dass jemand in den Westen abgehauen ist. Meine Mutter hat das schnell mitbekommen und wir sind einfach eingezogen. Das war dann wenigstens menschlicher. Aber dass man etwas geschenkt bekam oder einem Verständnis entgegengebracht wurde, das war nicht drin. Ich weiß noch, als mich Mutter an der Oberschule anmeldete, mussten wir meinen Geburtsort angeben. Meine Mutter sagte: „Wir sind Vertriebene.“ Da wurde ihr zum ersten Mal über den Mund gefahren. Wir seien keine Vertriebenen, wir seien Umsiedler. Man konnte Flüchtlinge und Vertriebene nicht sagen. Später wurden dann Vertriebenenverbände gegründet, die die Menschen unterstützen. Aber damit wurde auch betont, dass sie nicht Fuß fassten.

Haben Sie noch Kontakt zu Verwandten aus der Heimat?

Ja, meine Mutter hat noch Kontakt gehalten. Aber mein Mann und ich waren Lehrer und wir durften da nicht hin. Nach der Wende bin ich mit meinem Bruder, meinen Cousins und Cousinen nach Strehlen gefahren. Ich besuchte auch die Stelle, wo unser Haus gestanden hat. Es ist wirklich so, je älter man wird, umso mehr erinnert man sich wieder an solche Dinge. Auch an die ganzen schlimmen Erlebnisse.

Ich kann gar nicht verstehen, wie man sich heutzutage Flüchtlingen gegenüber so verhalten kann, wie man es teilweise macht. Wo viele das doch selber erlebt haben. Wenn ich in der EU etwas zu sagen hätte, würde ich bestimmen, dass jeder so und so viele Menschen aus diesen schrecklichen Kriegsgebieten aufzunehmen hat. Wer das nicht macht, der geht aus der EU raus! Ich habe mich ja schon mit so vielen Menschen gestritten! Ich finde es unerhört, wie man sich Flüchtlingen gegenüber verhält!

Das Interview führte Nia Fehlow