Dr. Edith Kiesewetter-Giese
aus Neutitschein, Sudetenland
Jahrgang 1935

Kein Mensch kann es sich aussuchen, in welche Familie er hineingeboren wird, in welchem Land er aufwächst und welche Landschaft, Sitten und Gebräuche, Sprachen, Religionen und Weltanschauungen ihn prägen werden. Wichtig ist, er ist und bleibt ein Mensch.

Meine Eltern hatten ein Hotel am Stadtplatz, in einer Stadt mit ca. 27000 Einwohnern. Hier lebten etwa ein Drittel Tschechen und zwei Drittel Deutsche. Das Verhältnis unter den Menschen war immer gut, bis zum Oktober 1939. Mit der Besetzung des Sudetenlandes durch die deutsche Wehrmacht, gab es einen deutlichen Schnitt durch die Gesellschaft. Man hörte von den furchtbaren Gräueltaten, z. B. in Lidice und den schlimmsten Machenschaften der Deutschen. Tschechen wurden zu Menschen zweiter Klasse, so bekamen z.B. nur noch Reichsdeutsche bestimmte Ämter.

Ich kann sagen, dass ich zehn Jahre lang eine sehr glückliche, unbeschwerte Kindheit hatte. Das änderte sich mit dem 6. Mai 1945, als meine Heimatstadt Kriegsgebiet wurde. Die Rote Armee hatte dreitägiges Plünderungsrecht, was ganz schrecklich war. Ich sah, wie NSDAP- Leute geschlagen, getreten, gefoltert und hinter sich her geschleift wurden. Alle Deutschen mussten ein schwarzes „ N“ für Nemez (Deutscher) tragen. Mitglieder der NSDAP mussten es auf der Brust und auf dem Rücken tragen. Mit dieser Kennzeichnung war man im Grunde vogelfrei.

In dieser Zeit haben wir nur noch im Keller gelebt. Es war Kriegsrecht, das bedeutete zum Beispiel, das Deutsche nur von 17.00 bis 18.00 Uhr einkaufen gehen konnten. Als Zehnjährige begriff ich anfangs nicht genau, was passierte. Einmal traf ich auf der Straße meine alte Lehrerin und ich begrüßte sie, wie ich es gewohnt war, mit dem Hitlergruß. Voller Entsetzen, sagte sie mir, dass ich das nie wieder machen dürfe, das sei ganz schrecklich. Wie konnte ich das begreifen? Viele schreckliche Bilder verbinde ich mit dieser Zeit. Von an Laternenpfählen hängenden Leichen bis zu vielen Selbstmorden und Vergewaltigungen. Wir selbst hatten insofern Glück, dass wir das Hotel hatten. Hier richtete die Rote Armee ihre Kommandantur ein und meine Mutter musste für sie kochen. So hatten auch wir zu essen, denn das Einkaufen war oft nicht möglich oder aber es gab nichts.

Am 4. Juli erging der Beschluss, dass alle Männer von 14 Jahren bis 65 und alle Mädchen und Frauen von 14 bis 60 Jahren ins Internierungslager oder zur Zwangsarbeit gebracht werden sollten.
In der Nacht zum 6. Juli 1945 um 2.00 Uhr wurden meine Mutter, meine vier Jahre ältere Schwester und ich mit einem Gewehr im Anschlag aus dem Bett getrieben. Wir mussten uns auf dem Stadtplatz einfinden. Dieser „wilden Vertreibung“ war die Abgabe der Pässe, Sparbücher, Versicherungspolicen und aller anderen Papiere vorausgegangen. Mitnehmen durften wir nichts, nur das, was wir anhatten. Insgesamt betraf es 5.000 bis 6.000 Neutitschener, die ohne Vorwarnung vertrieben wurden. Wir mussten zehn Kilometer laufen bis zum nächsten Verkehrsknotenpunkt Zauchtel. Dort wurden wir in offene Kohlewaggons mit zirka 80 Personen verladen. Man konnte nicht sitzen, nicht liegen, nur stehen. Ohne Essen und Trinken, ohne zu wissen, wohin es geht, trieb man uns in Richtung deutsche Grenze. Die Alten und Gebrechlichen legte man vorn an die Tür, damit sie hinausgeworfen werden konnten, falls sie starben. Wenn Halt war, hörte ich die Schreie von Frauen. Mit zehn Jahren, wusste ich nicht, was das bedeutete. Später haben meine Eltern mir erklärt, dass da Frauen herausgesucht und vergewaltigt worden waren. In Tetschen-Bodenbach wurden wir auf einer Schutthalde abgeladen. Dort haben wir eine Nacht verbracht und sind am nächsten Tag, wie eine Viehherde, rechts entlang der Elbe getrieben worden. Zwei schlimme Erlebnisse haben sich in mein Gedächtnis gebrannt. Einer Mutter nahm man den Säugling aus dem Kinderwagen, warf ihn in die Luft und schoss ihn ab, wie eine Tontaube. Diese Geräusche werde ich nie vergessen, das Schreien der Mütter und das Lachen der Peiniger. Das behält man ein Leben lang im Kopf.

Auf Bretter genagelte gekreuzigte Personen, zirka 20, wurden angeschwemmt und stapelten sich in einer Bucht der Elbe. Hier war die Strömung sehr schwach, sodass sich die Leichen aufstapelten. Als Kind bin ich nur mit gesenktem Kopf gelaufen, um bloß nicht aufzufallen. Vor der Grenze wurden nochmals Leibesvisitationen gemacht, um auch den letzten Wertgegenstand zu entdecken. Mit dem Schiff setzte man uns nach Pirna über.

Jetzt waren wir in Deutschland. In diesem riesigen Lager in Pirna herrschten schlimmste Verhältnisse. Beschweren durfte man sich nicht, denn dann hieß es, Pirna hat genug Bäume und die Elbe ist breit genug, um euer Problem zu lösen. Ich hatte genug schlimme Bilder gesehen und wusste, dass ein Leben nichts wert war.

Die Eltern wollten eigentlich zu den Westalliierten durchdringen, schafften das aber nicht. Bei einem Rittergutsbesitzer in der Altmark haben wir Essen und saubere Sachen erhalten und dort blieben wir auch. Wir bekamen ein Zimmer mit zwei Kammern. Meine Eltern konnten auf dem Gut arbeiten und da mein Vater sechs Sprachen beherrschte, u.a. Russisch, wurde er oft als Dolmetscher zu den Bauern mitgenommen.

Der Umbruch brachte die Ablösung des alten Bürgermeisters und die Gemeinde entschied, dass mein Vater der neue Bürgermeister werden sollte. Das war ein großer Vorteil, da nun wieder etwas Geld in die Haushaltskasse kam. Im Herbst 1946 wurde ich eingeschult und es war für mich ein Kulturschock. In meiner Heimatstadt gab es nur getrennte Mädchen- und Jungenklassen. Jetzt waren alle in einer Klasse, Jahrgang eins bis acht. Wir sahen anders aus, hatten andere Frisuren und einen Dialekt, aber bald schloss auch ich Freundschaften.

Als ich 1949 aus der Schule kam, wusste ich nicht wirklich weiter. Den Weg, als Magd beim Bauern zu arbeiten, wollte ich nicht gehen. Mein Ziel war es, das Abitur zu machen und Landschaftsgestaltung zu studieren. Aber ohne finanzielle Mittel war das fast undenkbar. Bei meiner Mutter bettelte ich mir fünf Mark ab und fuhr allein in die Kreisstadt Salzwedel zum Schulrat. Ich ließ mich nicht wegschicken und konnte mein Anliegen vortragen. Durch meinen Lehrer erfuhr ich, dass es die Möglichkeit gab, auf eine Zentralschule zu gehen. Das wollte ich. Das war nicht selbstverständlich. Man brauchte die entsprechenden finanziellen Mittel und Ausstattung.

Ich fuhr mit einem sechs Pfundbrot, zehn hartgekochten Eiern, einer Handvoll Kartoffeln sowie zehn Mark, zur dreitägigen Aufnahmeprüfung. Wie stolz war ich, als ich die Zulassung bekam. Aber es ging nur über ein Stipendium. Das Stipendium von 60 Mark reichte für die Miete zu 45 Mark und 15 Mark als Taschengeld. Wie stolz war ich, das geschafft zu haben. In Elsterwerda habe ich dann mein Abitur gemacht und anschließend in Halle ein fünfeinhalb jähriges Landwirtschaftsstudium absolviert.

In Lebusa arbeitete ich in einem Tierzuchtbetrieb als Zootechnikerin. Als junge Frau wurde ich dann "Chefin" eines devastierten Betriebes im Nachbarort. Diese Aufgabe war eine Mammutaufgabe, da viele Melker sich von einer jungen Chefin nichts sagen lassen wollten.

Ich hatte verschiedene Wirkungsstätten, so im Oderbruch auf einer MTS [Maschinen-Traktoren-Station], auch im Rat des Kreises in der Abteilung Finanzen.

Mein Mann promovierte inzwischen an der Akademie in Berlin. Nach drei Jahren folgte ich ihm und arbeitete an der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften. Insgesamt war ich dort 24 Jahre bis zu meiner „Abwicklung“.

Nach der Wende sahen wir uns die Welt an und inzwischen habe ich vier Bücher veröffentlicht. Meine Heimat ist Neutitschein; ist das, was ich in der Kindheit erlebt habe. Ich fahre immer wieder gern hin. Das Hotel gibt es noch, dort sind heute Büros und eine Spielothek. Die Tschechen haben die Stadt wunderbar hergerichtet. Es gibt wirklich gute Beziehungen und jährlich im September wird mit den Deutschen gemeinsam ein großes Fest begangen. Ich wünsche mir, dass es auch den nachwachsenden Generationen gelingt, gute nachbarschaftliche Beziehungen weiter zu entwickeln.

Das Interview führten Schüler*innen des Geschichtskurses 12 und Dagmar Jurat.