Manfred Jeschke
aus Rummelsburg / Pommern
Jahrgang 1940

Mein Name ist Manfred Jeschke. Geboren wurde ich am 19.07.1940. Mit meiner Familie lebte ich in Rummelsburg in Pommern. Mein Vater musste Kriegsdienst leisten, an der Ostfront. Er kam erst nach dem Krieg aus amerikanischer Gefangenschaft wieder zur Familie. Es war der Januar im Jahr 1945 als wir unsere Heimatstadt verließen. Immer wieder waren gab es Bombenangriffen aber wir durften trotzdem noch im Ort bleiben. Ich war mit meiner Mutter in der Stadt als eine Bombe in unserem Vorgarten fiel. Zum Glück war niemand an diesem Tag im Haus. Die Decke hing im Flur, Fenster und Türen waren zerstört. Unser Haus war nicht mehr bewohnbar. Mein Opa nagelte die paar Fenster zu und wir zogen zu meinen Großeltern. Diese hatten ein neues Haus am Stadtrand gebaut. Mein Opa sagte: „In ein paar Tagen könnt ihr wieder nach Hause.“. Aber das konnten wir nicht mehr. Die rote Armee war schon am Bahnhof. Es kam der Befehl der deutschen Soldaten, dass wir Richtung Danzig gesehen sollen. Wir konnten kaum Sachen mitnehmen. Wir besaßen so gut wie nichts außer unsere Kleider am Leib. Mit der kranken Urgroßmutter im Handwagen verließen wir und tausende andere Menschen die Stadt.

Als wir in Danzig ankamen, lebten wir dort kurz in der Marienkirche. Unsere Urgroßmutter brachten meine Großeltern im nahe gelegenen Krankenhaus auf den Hügel. In einer Nacht war jedoch ein schwerer Fliegerangriff. Das Krankenhaus stand in Flammen. Wir selbst waren auch verschüttet. In Erinnerung blieb mir noch, dass die Frauen Schützengräben schaufeln mussten.

Als wir Danzig verließen, flüchteten wir mit LKWs weiter zur Halbinsel Hela. Dort legten die großen Transportschiffe ab. Während wir zur Halbinsel fuhren, wurden hinter uns die Brücken gesprengt. „Schnell über die Brücken!“, riefen die Soldaten. Der roten Armee sollte der Weg versperrt bleiben. Als wir an unser Ziel kamen, standen wir mit tausenden anderen Menschen vor einem riesigen Zaun. Am Hafen stand das große Schiff die Gustloff. Wir und tausende Andere wollten damit über die Ostsee Richtung Westen. Jedoch war das Schiff schon zu überfüllt. Wir wurden vor dem großen Zaun zurückgelassen.
Glück im Unglück. Die Gustloff wurde nach 8 Stunden Fahrt mit Torpedos von einem russischen U-Boot abgeschossen. Es starben rund 9.000 Menschen im Wasser.

Wir wurden zurück in die Wälder der Halbinsel geschickt. Jede Nacht waren Fliegerangriffe. Als wir an einem Bunker vorbeikamen, fragten wir ob wir hinein dürften. Im Bunker waren Ärzte und andere Menschen, alle angetrunken, wie bei einer Feier. Sie ließen uns nicht rein. Am nächsten Tag gab es den Bunker nicht mehr. Eine Bombe hatte ihn getroffen.

In den Nächten schliefen wir in den Bombentrichtern. Mein Großvater meinte immer: „Wo einmal eine Bombe fällt, da fällt keine zweite.“. Einen ruhigen Schlaf hatte trotzdem niemand. Immer wieder warf die rote Armee sogenannte Weihnachtsbäume ab. Für einen kurzen Moment war alles hell. Du konntest nichts mehr sehen. Dann hörtest du die Bomben. Und das, obwohl die Russen wussten, dass wir Flüchtlinge waren.

Nach Tagen im Wald wurden wir wieder zum Hafen geschickt. Von dort fuhren 5 Schiffe ab. Wir fuhren mit dem Kreuzer "Georgia" nach Dänemark. Die Schiffe nebelten sich immer zum Schutz ein. Mein Schiff und ein anderes waren die einzigen beiden Schiffe, die ihr Ziel erreichten.
Während wir im Schiff waren, gab es immer wieder Fliegerangriffe. Ich weiß noch, dass ich an einen schönen Tag mit meinem Bruder an Deck war. Das Wetter war herrlich und die frische Luft tat gut. Dann jaulten die Schiffssirenen. Alle mussten sofort ganz nach unten ins Schiff. Es gab wieder einen Fliegerangriff. Überall konntest du das Geräusch hören, wenn die leeren Hülsen der Flack auf das Deck fielen.

In Dänemark wurden wir interniert. Zunächst wohnten wir in einem kleinen Haus, da mein Onkel der Flugplatzkommandant war. Später als die Amerikaner und Engländer kamen, wohnten wir in Rüe in Baracken, hinter uns der Stacheldrahtzaun. Die Engländer behandelten die alten Menschen, Frauen und Kinder, wie Kriegsverbrecher. Es gab nichts zu heizen. Die Männer zerhackten Holz für Feuer.

Über das Rote Kreuz suchten wir unseren Vater. Im Jahr 1947 zogen wir nach Bartmannshagen bei Grimmen. Dort lag mein Vater verwundet im Krankenhaus.

In der zweiten Klasse ging ich in die Schule vom Nachbardorf Kaschow. Dort lernte ich meine jetzige Ehefrau kennen. Ihre langen schwarzen Zöpfe steckte ich immer ins Tintenfass. In der Schule waren wir sehr große Klassen. In der 7ten Klasse in Grimmen waren wir 54 Schüler in einer Klasse.

Im Jahr 1959 zogen wir dann weg, nach Basdorf. Als ich 1980 in Oranienburg war, sah ich in der Stadt eine Frau mit schwarzen Haaren. Ich sprach sie an, ob sie Marion Lepzin sei. Sie guckte mich überrascht an und fragte, wer ich denn sei. Sie war das kleine Mädchen, dessen Haare ich in Tinte steckte und meine heutige Frau.

Ich war sehr klein als wir auf der Flucht waren. Viele Dinge weiß ich nicht mehr.

Das Interview führte Mareen Wruck