Marion Jeschke
Jahrgang 1939
aus Stettin / Pommern

Hallo lieber Fremder! Wenn ich mich und meine Geschichte vorstellen darf. Mein Name ist Marion Jeschke. In Stettin, welches im damaligen Pommern (heute Polen) lag, wurde ich geboren und lebte dort die Anfangsjahre meiner Kindheit mit meiner Familie zusammen. Leider lernte ich meinen Vater erst viel später kennen, da er 1939/40 Kriegsdienst leisten musste. Ich erinnere mich noch an die Bombenangriffe, an die Luftschutzbunker. Ich erinnere mich auch noch als im Januar 1945 der Befehl der deutschen Wehrmacht kam, dass wir unsere Heimat verlassen müssten. In kurzer Zeit mussten wir Kleidung zusammenpacken und Nahrung für uns und die Pferde zusammensuchen. Notdürftig und ohne viel Vorbereitung verließen wir mit einer riesigen Menschenmasse die Stadt. Nur die schönen Erinnerungen bestanden in uns von nun an. Zurück blieb eine Geisterstadt. Ich war fünfeinhalb Jahre alt. Die zwei Pferde und den Pferdewagen bekamen wir von den Bauern. Gemeinsam mit meiner Mutter, meiner kranken Großmutter, meiner Tante, meinem Onkel und vier weiteren Kindern, darunter mein zehn Jahre alter Bruder und ein vier Wochen altes Baby, und vielen anderen Menschen flüchteten wir in Richtung Westen. Mein Onkel spielte den Kutscher und fuhr unsere zehnköpfige Familie mit dem Pferdewagen.

Wir waren schon vier bis fünf Monate auf der Flucht, als wir im Mai in Stralsund ankamen. Dort lebten wir für kurze Zeit in einem Flüchtlingslager in Holzbaracken. Aber bald kam schon der nächste Befehl, dass wir in Richtung Westen (Berlin) weiterziehen sollten. Die Monate der Flucht waren sehr kalt. Wir mussten immer wieder anhalten, um aus Moorsteinen ein kleines Feuer zu machen, damit wir warmes Wasser für das Baby hatten. Die Kleidung wurde meinem Bruder und mir zu klein. Da wir aber keine Möglichkeiten hatten neue zu kaufen, nähte meine Mutter Flicken an unsere Sachen, damit sie wieder passten. Meine Mutter strickte mir Strümpfe aus Schafswolle. Ich habe sie nicht gemocht, da sie mich so sehr kratzten, aber wir hatten ja sonst nichts anderes. Während der Flucht gingen uns die Lebensmittel aus. Im Wald sammelten wir Beeren, Pilze und andere Früchte, um Nahrung zu haben. Immer wieder mussten wir uns vor Fliegerangriffen schützen. Als kleines Mädchen hatte ich solch eine Angst, dass ich eine Bombe auf den Kopf bekomme. Noch Jahre später hatte ich Furcht, wenn ein Flugzeug über mir flog.

Als wir in Richtung Osten flüchteten, mussten wir im kalten Winter über das zugefrorene Stettiner-Haff. Das Gewässer konnte die vielen Menschen mit ihren Pferdewagen nicht halten. Zu viele sind dort eingebrochen… Wir waren eine sehr große Gruppe von Geflüchteten. Fast alle besaßen einen Pferdewagen. Wir waren hauptsächlich Frauen, Kinder, einige männliche Verwundete und ältere Männer, die keinen Kriegsdienst mehr leisten konnten, wie mein Onkel. Es herrschte eine große Hilfsbereitschaft untereinander, aber nicht jeder wollte helfen. Ich erinnere mich noch an folgendes Szenario: Die deutschen Soldaten gaben uns den Befehl am Strand zu gehen. Viele blieben immer wieder mit ihren Pferdewagen stecken, da es so sandig war. Als wieder einmal ein Wagen im Sand steckte und versucht wurde, diesen zu befreien, kamen andere Personen und stahlen den Wagen. In den Wäldern und an den Stränden lagen überall tote Menschen.

Wir zogen durch verlassene Städte. In den verlassenen Dörfern und Städten kamen uns die herrenlosen Tiere entgegen. Die ehemaligen Einwohner mussten ihre Häuser genauso fluchtartig verlassen wie wir. Oft stand noch das Essen in den Küchen, als wären sie nur kurz weg und würden gleich wieder kommen.
Als der Befehl kam, das Flüchtlingslager in Stralsund zu verlassen, landeten wir nach einiger Zeit in Kaschow, Kreis Grimmen. Dort wurde meine Familie auf verschiedene Bauernhöfe verteilt. Von der Gemeinde bekamen wir Marken, von denen wir uns Nahrungsmittel holen konnten. Jedoch gab es kaum welche und wenn nur in sehr kleinen Mengen. Nach der Ernte sammelten wir deswegen die übrig gebliebenen Zuckerrüben, Ähren und Kartoffeln. In der Nacht stahl mein Bruder manchmal Kartoffeln vom Bauern. Auch Anziehsachen waren seltenes Gut. Da die Marken allein oft nicht ausreichten, musste ich als kleines Mädchen zu den Bauern gehen, um Milch zu holen. Meine Mutter war der Meinung, dass kleine Mädchen eher etwas bekommen als Erwachsene. Ich lebte mit meiner Mutter und meinem Bruder auf einem kleinen Dachboden, dieser war eigentlich nicht als Wohnraum gemacht. Wir mussten Wasser in Eimern zu unserer Wohnung tragen. Da es keine Heizung gab, wurde Brennholz im Wald gesucht. Wir besaßen keine richtigen Spielsachen. Notdürftig bastelten wir aus Tannenzapfen Puppen. Von einigen Bauern wurden wir als Eindringlinge gesehen. Zu Weihnachten 1945 bekam ich Harzer Käse, ich freute mich riesig, da dies eine Seltenheit war.

Hier war auch meine Flucht zu Ende. In Kaschow wurde später eine Schule geöffnet, zu der ich auch ging. Dort lernte ich meinen späteren Ehemann kennen. Meine Schultüte wurde aus Zeitungspapier gebastelt, was sie enthielt, weiß ich nicht mehr. Erst in der vierten Klasse bekamen wir Tinte und Feder, zuvor bestand unser Schulmaterial aus einer Schiefertafel, Kreide und einem Schwamm. Ab der siebenten Klasse ging ich auf die Schule in Grimmen. Erst ab 1948 gab es auch Frühstück und Mittag in der Schule. Noch heute pflege ich drei Freundschaften aus Kaschow.

Mein Vater kam erst 1949 aus der russischen Gefangenschaft (aus Sibirien) zurück. Im Jahr 1953 zogen meine Familie und ich mit Hund und Hühnern nach Lehnitz. In Oranienburg sprach mich dann nach 27 Jahren ein ehemaliger Mitschüler an, mein heutiger Ehemann. Rückblickend kann ich sagen, dass wir als Kinder zu klein waren, uns war nicht bewusst, was es bedeutet, dass der Krieg zu Ende ist.

Das Interview führte Mareen Wruck