Omar Ibrahim Akouna
aus N´Djamena/ Tschad 24 Jahre

Kindheit

Aufgewachsen bin ich mit zwei Schwestern, vier Brüdern und meinen Eltern. Es war eine normale Kindheit in einer Millionenstadt. Meine Familie sah ich das letzte Mal vor sechseinhalb Jahren.

Schulzeit und Beruf

Ich ging sechs Jahre zur Grundschule und dann sieben Jahre in eine Oberschule mit Abitur. Dann begann ich ein Studium, das ich leider nicht zu Ende machen konnte. Von Beruf bin ich Elektriker.

Fluchtauslöser

Es gab schon lange Probleme in meinem Land. Polizeigewalt, Korruption, Diktatur. Irgendwann waren die Probleme so groß, dass ich nicht mehr bleiben konnte. Ich sah meinen Tod vor mir. Von einer Minute zur anderen musste ich weg.

Bedenken / Angst

Wovor? Es gab keine Alternative. Angst hatte ich ständig im eigenen Land. Es muss doch irgendwo möglich sein, Ruhe und Sicherheit zu haben. Ich will nur leben und arbeiten. Angst habe ich vor der Polizei. Ich habe schlimme Dinge gesehen und erlebt. Aber in jedem Land gibt es auch nette Menschen.

Fluchtroute

Zuerst lebte ich ein Jahr lang in Libyen auf der Straße. Die Polizei steckte mich für sieben Monate ins Gefängnis. Ich wurde getreten, geschlagen, misshandelt. Nach der Entlassung bin ich in einem völlig überfüllten Boot übers Mittelmeer nach Lampedusa geflohen. Hundert Männer, von denen zwanzig nicht überlebten. Nach drei Tagen brachte man uns nach Sizilien in ein unvorstellbar riesiges Lager, in dem tausende Geflüchtete waren. Katastrophale hygienische Zustände und kaum etwas zu essen. Es gab keine Möglichkeit sein Anliegen vorzubringen, keine Anmeldemöglichkeit. In Mailand war ich insgesamt ein Jahr. Einen Monat lebte ich auf der Straße und bekam dann die Möglichkeit bei der Caritas zu helfen. Ich tue das gern, ich möchte arbeiten. Gut war, dass ich so ein kleines Zimmer hatte. Nach Deutschland kam ich über Österreich. Die erste Station war München, dann mit dem Bus nach Passau. Dort wurden wir nach Brandenburg eingeteilt und kamen so nach Eisenhüttenstadt. Vier Monate war ich dort und seit fast zwei Jahren bin ich in Lehnitz.

Fluchterfahrungen

Auf der Flucht habe ich viele böse Menschen kennenlernen müssen. Ich sah schreckliche Dinge. Man behandelte uns wie Vieh. Ich sah Hoffnungslosigkeit, Angst, Wut und den Tod. Menschen verreckten, wurden erschossen, mussten sich immer verstecken. Das sind Bilder, die ich nicht mehr loswerde. Ich war allein, fand aber auch Schicksalsgenossen.

Ankunft

Ich lerne täglich sieben Stunden Deutsch, habe einen sechsmonatigen Kurs gemacht und möchte weiter lernen. Ich möchte eine Arbeit finden, zur Ruhe kommen. Im Heim lebe ich mit drei arabisch sprechenden Flüchtlingen zusammen. Die Verständigung ist schwer, da sie kein französisch sprechen und nur wenig Deutsch können. Ich möchte heraus aus dem Heim, da es dort ständig laut ist. Ich weiß nicht, wie es weitergeht.

Zukunft?

Ich weiß nicht.Ich habe nur eine Duldung für ein Jahr. Was kann ich da planen? Ich möchte in Sicherheit leben.Eine Rückkehr in den Tschad ist für mich undenkbar. Ab und zu habe ich Kontakt zu meiner älteren Schwester, zu dem Rest der Familie nicht. Hoffnung habe ich kaum.Es ist schon so viel passiert. Ich möchte mich einbringen, ich möchte tun.

Das Interview führten Alexia Gonzalez und Dagmar Jurat