Sieglinde Kenzler
aus Wehlau /Ostpreußen
Jahrgang 1935

Meine Heimatstadt ist in meiner Erinnerung eine sehr schöne Stadt, mit einem großen Pferdemarkt und den Flüssen Alle und Pregel. Während des Krieges wurde sie allerdings stark beschädigt. Meine Kindheit war unbeschwert, ich hatte ein gutes Elternhaus. Mein Vater besaß ein Sägewerk, ein relativ modernes und der Krieg war noch weit weg. Die Ferien verbrachten wir oft bei den Großeltern in Königsberg. Dort erlebten wir auch die ersten Bombenalarme. Wir mussten manchmal nachts heraus aus den Betten, schnellstens anziehen und in den Luftschutzkeller.

Die ersten Flüchtlinge habe ich 1944 gesehen, Menschen aus den (heutigen) polnischen Ostgebieten in Richtung Wehlau. Ich weiß nicht, wo eine Sicherheit war. Es waren zig Wagen, voll gepackt mit Eimern, Kannen und Futter für die Tiere. Fast jeder Wagen hatte eine Kuh, braun-weiße, die hatte ich nur damals gesehen. Alles, was laufen konnte, holte Gefäße, um die Kühe zu melken. Rast durften die Fuhrwerke auf den abgemähten Feldern machen. Aber ein Bild hat sich bei mir eingebrannt, das sehe ich noch vor mir. Auf unserem Küchentisch standen so viele Babyflaschen, so viele. Die waren alle für die kleinen Kinder. Dieses Bild steht für mich für 1944.

Im Herbst 1944 merkten wir Großen, der Rudi und ich, dass irgendetwas nicht mehr stimmte. Der große gummibereifte Wagen, mit einem Häuschen obendrauf, samt einem Kanonenofen und mit Kisten und Koffern bepackt, stand auf dem Hof. Das gehörte nicht zur Ordnung. Die Eltern sprachen nicht darüber. Sicher, in der Schule schrieben wir Briefe an die Frontsoldaten und es gab jetzt auch nachts Fliegeralarm. Wir mussten unsere Anziehsachen immer so hinlegen, dass man sie ganz schnell auch im Dunkeln anziehen konnte, aber noch wussten wir nicht, was kommt. Ende 1944 war vermehrt die SS und Gestapo bei uns. Sie benötigten Kanthölzer für die Brücken, die im Sägewerk geschnitten wurden. Im Kinderzimmer hatten wir auf einmal schwarze Rollos und alle Glühbirnen wurden gegen dunkelblaue ausgetauscht.

Wir hatten nur noch unregelmäßig Unterricht und dann in der Turnhalle, da die Schule mit Soldaten belegt war. Nur auf Nachfragen bekamen wir Kinder einige Antworten. Unsere Eltern wollten uns wahrscheinlich nicht damit belasten. Ich merkte aber doch, dass da eine gewisse Traurigkeit in der Familie war. Heute sage ich, Ende 1944 endete meine Kindheit.

Am 22. Januar 1945 sagten meine Eltern: „ Wir verlassen unser zu Hause nur für eine kurze Zeit.“ Wohin es gehen sollte, wussten wir nicht. Heute weiß ich, wahrscheinlich nach Bayern. Die Gestapo stellte den Treck zusammen, Wagen an Wagen, zig Wagen, für mich hunderte. Nichts durften wir mitnehmen, nicht mal die Tiere. Vater sagte streng: „ Keiner nimmt Spielzeug mit!“ Und ich bin doch ins Haus gelaufen und habe meine Babypuppe geholt.

Für mich war das anfänglich wie ein Abenteuer, nicht schön, aber unbekannt. Das Schlimmste war die Kälte. Wir Kinder mussten immer wieder herunter vom Wagen und hinterher laufen, damit wir uns bewegten. Nachts suchten wir verlassene Höfe oder Gutsherrenhäuser auf, um die Pferde zu versorgen und ein wenig auszuruhen. Wir kamen bis nach Friedland, so im März muss das gewesen sein, die Natur erwachte gerade. Hier war die Brücke durch das deutsche Militär besetzt. Die Posten sagten: „ Hier kommt ihr nicht rüber! Ihr könnt ja übers Eis gehen, aber die Brücke wird gesprengt!“ Die Eltern haben entschieden, dass wir zurück zum Gut gehen und abwarten. Dann weiß ich nur noch, ich sehe über die Felder und sehe viele, viele Menschen, die kamen in unsere Richtung. „ Mutti, Mutti, jetzt kommen die Russen!“ Für mich sahen sie alle gleich groß aus, hatten khakigrüne Schuhe mit Lappen umwickelt, die Mützen tief im Gesicht. Es waren Tartaren, Usbeken, Tadschiken mit russischen Offizieren. Jetzt wurden die Männer von den Familien getrennt; es gab viele, viele Verhöre. Ich erinnere mich aber auch an einen Offizier, der sehr kinderlieb war. Er brachte uns eine Kanne Honig und Schokolade.

Dann mussten wir alles zusammenpacken, Trecks zu Fuß wurden zusammengestellt. Wir hatten unseren zehn bis elf Monate alten Bruder in einem Wäschekorb dabei. Er ist auf dem Treck in ihm erstickt. Es ging in Richtung Friedland. Dort war ein großes deutsches Militärgefängnis, große Tore und viele Militärautos, ein Sammellager. Frauen und Männer wurden auf verschiedene Fahrzeuge verteilt und hier sah ich meinen Vater zum letzten Mal. Ich hörte ihn noch etwas schreien und wir denken, dass er „Wehlau“ schrie. Mutter wurde lange, lange verhört.

Nach Tagen wieder ein Treck aus Frauen, Kindern und älteren Menschen. Das russische Militär auf Pferden rechts und links daneben. Dieses Mal ging es in die Hölle, in ein ehemaliges deutsches Lager, das jetzt unter sowjetischer Besatzung stand. Alle mussten arbeiten, auch die invaliden Männer. Hier gab es alle Krankheiten, die man sich vorstellen kann von Krätze und Ruhr bis zu Hungertyphus. Ich weiß nicht, wie wir das überstanden haben. Aber Kinder sind einfallsreich und so sorgte Rudi, mein älterer Bruder, für Essbares. Wir fanden immer irgendwo etwas. Wir sind als Kinder sogar zum Kommandanten gegangen, um Milch für Uli zu holen. Ich sehe aber auch noch die Handwagen voll mit Leichen, die täglich zum großen Friedhof gefahren wurden.

Im Frühjahr 1946 war unsere Mutter wochenlang weg. Wir erfuhren irgendwann, dass alle zu Aufräumarbeiten nach einem Hochwasser in Insterburg sind. Als Mutti im Mai 1946 zurückkam, bekam sie hohes Fieber, wahrscheinlich Malaria oder etwas Ähnliches. Das Schlimmste aber war der ewige Hunger, nicht wissen, ob es morgen wieder etwas gibt. Unsere Mutter sagte uns Kindern vor dem Einschlafen:„ Solltet ihr einmal im Traum in einer Speisekammer drin sein, dann esst euch satt.“ Ich habe es einmal wirklich geträumt und dann bitterlich geweint, als ich aufwachte, da es ja nicht wirklich war.

Bei Nacht und Nebel sind wir aus dem Lager geflohen, Rudi, Waltraud, Uli, Mutti und ich. Auf der großen Chaussee entlang in Richtung Wehlau. Natürlich haben wir gehofft, dort auf unseren Vater zu treffen. Unser Glück war, dass wir nicht gesucht wurden, auf keiner Liste standen. In Wehlau gab es keinen Max Liedtke, mein Vater war nirgends zu finden. Wir meldeten uns bei der Kommandantur und bekamen eine Wohnung zugewiesen.

Mitte 1946 waren auch viele russische Flüchtlinge in Wehlau, die hatten auch nichts. Meine Mutter arbeitete in einer Papierfabrik bis 1947. Dann wurden alle Deutschen entlassen. Man hörte, dass es in Litauen Arbeit gäbe und so fuhr Mutti mit noch zwei Bekannten nach Litauen. Ich weiß nicht mehr wie lange, ich weiß nur noch, sie war sehr, sehr lange weg. Eines Tages wurde uns gesagt, wir sollten zum Bahnhof gehen und einen Handwagen mitnehmen. Natürlich hatten wir geglaubt, dass Mutti soviel mitbringt, dass sie es gar nicht alles schafft. Auf dem Weg zum Bahnhof haben Rudi und ich uns die leckersten Speisen vorgestellt. Was wir dann sahen, verschlug uns die Sprache. Wir haben unsere Mutter nicht wieder erkannt. Eine in sich zusammen gefallene, sehr schwache Frau, die nicht allein gehen konnte. Rudi holte noch den Arzt von der Kommandantur, aber es war zu spät.

Ihre letzten Worte haben wir kaum verstanden, nur soviel:„Fahrt zu Tante Annchen und lasst mir den Kleinen nicht verhungern.“ Wir haben sie dann neben Peterchen (1943 gestorben) begraben, ohne Sarg, ohne Kiste. Rudi ging allein nach Litauen, so für drei oder vier Tage. Nach seiner Rückkehr beschlossen wir beide, dass wir alle gehen. Rudi und ich wussten, wir schaffen es sonst nicht, die Kinder am Leben zu halten. Wir fuhren alle mit dem Güterzug in Richtung Litauen. Rudi arbeitete bei dem Bauern und wir durften auch dort bleiben, aber nur für eine Nacht.

Da wurde mir etwas auferlegt, wo ich gesagt habe:„Lieber Gott, du passt jetzt auf mich auf, dass wir es schaffen!“ So gingen wir, wussten nicht welchen Weg, welches Dorf, keine Wegweiser, wir konnten kaum Russisch, ich und meine drei jüngeren Geschwister, Waltraud, Irmgard und Uli. Ach, wenn ich an Uli denke, er war noch so klein, abgemagert, so wie die Kinder heute im Fernsehen zu sehen sind. Ich selbst war ja auch noch ein Kind. Uli wollte immer nicht laufen, weinte viel und ich kam gar nicht auf die Idee, ihn mal zu fragen. Es durfte keiner krank werden, es musste immer irgendwie weitergehen. Natürlich haben wir auch Pausen gemacht, auch Hopse gespielt oder Lieder gesungen. Am Teich haben wir uns und die Sachen gewaschen und nachts haben wir im Straßengraben geschlafen, Huflattichblätter als Unterlage. Manchmal gab uns der eine oder andere Bauer etwas, aber schlafen z. B. in der Scheune durften wir nicht. Abends hörten wir die Wölfe, aber gesehen haben wir keinen, nicht einen einzigen. Irgendwie ging das, irgendwie ging es immer weiter. Manchmal sind wir auch zum Rudi gegangen.

Eines Tages, ich denke es war Erntedankfest oder so was, die Leute kamen aus der Kirche, waren gut gelaunt, sangen und waren fröhlich. Auf einmal hielt eine Pferdekutsche und der Bauer zeigte auf Irmgard und nahm sie mit. Wir sagten gar nichts, ich dachte nur, der muss hier in der Gegend wohnen, wenn er mit der Kutsche kommt. Damals schwor ich, die beiden Kleinen nimmt dir keiner weg, komme, was da wolle. Aber es kam anders.

Eines Abends kamen wir an ein wunderschönes Haus, das war eigentlich das schönste Haus von ganz Litauen. Dort lebten ein junges Paar mit einem Kleinkind und ein älteres, so genannte Volksdeutsche. Sie badeten uns, gaben uns zu essen und andere Sachen. Waltraud schoren sie ihre wunderschönen Haare und schmierten sie mit so einer weißen Paste ein. Wir waren so erschrocken, aber ich sage heute, nicht Waltraud hatte die Läuse, sondern die Läuse hatten Waltraud. Wenn sie das nicht gemacht hätten, wer weiß, ob Waltraud heute noch am Leben wäre. Damit sie wie ein Mädchen aussieht, hatte sie ihr ein weißes Tuch umgebunden mit einer karierten Schleife. Eine Nacht durften wir dort bleiben, aber wieder nur in der Scheune unten, nicht oben, wo das Heu lag. Am nächsten Morgen teilten sie uns mit, dass sie Waltraud behalten möchten und auch sie wollte das. Sie war damals so sieben oder acht Jahre alt. Uli und ich wanderten weiter, aber das Haus merkten wir uns.

Uli und ich gingen von Bauer zu Bauer. Der Kleine weinte viel, manchmal musste ich auch mit ihm schimpfen, denn oft konnte er nicht mehr. Ich wusste manchmal auch nicht weiter und ich musste ihn allein lassen. Wie wir überlebten, weiß ich nicht, aber wir aßen Beeren, Waldfrüchte, Kiebitzeier. Nicht immer gaben die Bauern etwas, also ging ich von Hof zu Hof und das dauerte oft lange, da die Gehöfte weit auseinander lagen. Einmal muss es Uli wohl zulange gedauert haben, es war schon dunkel und er war bei meiner Rückkehr weg. Ich rief, ich schrie, ich suchte ihn. Die Frage, ob er von den Wölfen gerissen wurde, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie oft hatten uns die Bewohner gewarnt, nicht in den Wald zu gehen, dort seien die Wölfe. Heute weiß ich, sie meinten auch die zweibeinigen, die Partisanen. Irgendwann konnte ich nicht mehr und gab auf.

Uli ist einen anderen Weg gegangen und traf auf das eine, einzigartige Haus. Waltraud sah ihn, umarmte ihn und die Bauern nahmen ihn auf. Die Bauern selbst wurden eines Nachts abgeholt und nach Sibirien gebracht. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist, aber was sie absolut richtig gemacht haben. Sie schickten Uli und Waltraud vorher weg, mit warmen Sachen und Essen ausgestattet. Natürlich ins Niemandsland, das wussten beide. Auf einigen Umwegen kamen beide zu Rudi. Der schickte sie zum Bahnhof. Sie sollten nach Wehlau fahren, denn da würden sie mich schon finden.

Zu diesem Zeitpunkt gab es einen sowjetischen Befehl, dass alle bettelnden Kinder, ostpreußische wie litauische, aufgegriffen werden sollen und in ein Quarantänelager nach Königsberg zu bringen sind. Anschließend sollten sie in ein normales Heim und die ostpreußischen Kinder nach Deutschland in ein dortiges Heim gebracht werden. Waltraud und Uli wurden von einem Offizier auf den Gleisen gehend, mitgenommen. Dieser Offizier war sehr gut zu ihnen, fast wie ein Vater. Auch Rudi musste vom Bauern freigegeben werden und so kamen sie alle in Quarantäne und dann nach Kyritz, in das größte Heim für ostpreußische Kinder. Dort waren auch die Kenzlers, mein späterer Mann mit seinen Geschwistern.

Irmgard und ich hatten ein völlig anderes Schicksal. Ich klopfte während meiner Wanderung an ein litauisches Bauernhaus in Kaslarutta und es machte eine russische Frau auf. Aber, was soll ich sagen, wir waren uns sofort sympathisch. Es gab dort ein Sägewerk mit deutschen Kriegsgefangenen, wo der Mann als Armeeangehöriger arbeitete und sie machte die Buchhaltung. Die Verständigung war schwierig. Was ich gesagt habe, hat sie nicht verstanden und was sie gesagt hat, habe ich nicht verstanden. Aber es musste gehen. Ich wurde in dieses Boot hineingeworfen und nun musste ich rudern. Sie haben mich gebadet und Galina hat alle Sachen, die ich anhatte verbrannt. Jetzt hat sie mir alles weggenommen, ich war entsetzt. Heute weiß ich, es war richtig. Kolja konnte ein wenig Deutsch durch seinen Einsatz in Deutschland, aber richtige Gespräche waren nicht möglich. Die Nachbarin musste übersetzen, woher ich komme, was meine Geschichte war. Galina schlug sogar vor, Uli mit dem Jeep zu suchen, doch dazu kam es nicht.

Sechs Jahre blieb ich bis 1953. Das Sägewerk wurde schon nach kurzer Zeit nach Kaunas verlegt, einer schönen historischen Stadt, vergleichbar mit Potsdam. Dort wohnten wir im Stalinprospekt, ein Kindchen wurde geboren und ich lernte fleißig Russisch, so dass ich meine Muttersprache fast vergaß. Ich half im Haushalt, schloss Freundschaften. Alle haben gut auf mich aufgepasst. Trotzdem wusste ich, ich komme nach Hause, irgendwann schaffe ich es. Ich wusste nur nicht, ob meine Kinder, so nannte ich sie immer, noch leben oder alle weg sind. Eines Tages erzählte mir Galina von der Idee, mich zu adoptieren. Sie hätten alles vorbereitet und sie hatten sich schon eine Legende zurechtgelegt. Ich sprach gut Russisch mit ukrainischem Akzent, ich sollte Sina heißen und in Deutschland als Kindermädchen bei ihnen gearbeitet haben. Es war ehrlich gemeint. Aber für mich kam das nicht in Frage, ich wollte die bleiben, die ich war, Sieglinde Liedtke!

Das Sägewerk wurde wieder verlegt und ich entschied, nicht mitzugehen. Ich begleitete sie noch zum Bahnhof. Der Abschied war voller Wehmut. Sie hat nicht gefragt, wohin ich gehe. Sie sagte nur, du kommst nicht um. Nun saß ich allein mit meinem Köfferchen auf dem Platz in Kaunas und wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Ein Litauer, ein ehemaliger Offizier, ein hochgebildeter Mensch sprach mich an und bot mir eine Bleibe. Er offenbarte mir, dass seine Nichte übermorgen zum Studium eintrifft und wir zwei uns ein Zimmer bei ihm teilen könnten. Ich nahm das Angebot an und verstand mich ausgezeichnet mit Aldonna. Es war herrlich. Wir teilten uns das Zimmerchen, sie studierte und ich brauchte dringend Arbeit. Durch die Nachbarin erfuhr ich von dem pharmazeutischen Werk, in dem ich auch eine Anstellung erhielt. Es war eine riesige Halle, wo wir Ampullen herstellen mussten. Alle haben mir geholfen, auch um die Norm zu schaffen. Ich weiß noch, von meinem ersten Geld kaufte ich mir Käse, nur Käse, den liebte ich über alles bis heute.

In der Sowjetunion gab es die Komsomolzen [Jugendorganisation], die große Projekte verwirklichten, so die Neulandgewinnung. Da wollte ich unbedingt mit. Auch ich wollte in diesem herrlich geschmückten Zug sitzen, aber das ging nicht. Ich sollte irgendein Schriftstück beibringen, das der und der und der nicht mehr leben. Ich selbst hatte auch nur so einen Talon mit einem roten Stempel, wo ich mich immer registrieren lassen musste. So begannen meine Nachforschungen. Ich schrieb nach Kaunas, nach Vilna, nach Moskau, zum Roten Kreuz. Es kamen immer negative Bescheide. Das reichte dem Direktor aber nicht, er zögerte es hinaus, da es politisch nicht gewollt war. Von meiner Suche hörte eine Kollegin, die eine Adresse des Suchdienstes in Hamburg hatte. Es war alles ein Schicksal, Zufall oder wie man es nennen möchte. Dort schrieb ich hin, ein Einschreibebrief, die Adresse weiß ich heute noch. Wochenlang, monatelang hörte ich nichts. Ich habe nie geglaubt, dass da irgendeine Antwort kommt.

Und es kam der 24.12.1953 – Opa, Aldonna und ich hatten alles für das Weihnachtsfest vorbereitet. Es klopfte an der Tür und ein Postmann brachte einen Einschreibebrief für die Bürgerin Liedtke. Einen großen dicken Brief mit vielen Marken und Stempeln. Ich ließ den Brief auf dem Tisch liegen. Opa forderte mich auf, ihn aufzumachen, es sei schließlich Weihnachten und das sei mein Geschenk. Alle meine Bedenken wischte er weg. Ich müsse mit der Nachricht klarkommen, egal, was drin steht, aber dann hätte ich wenigstens Gewissheit.

Ich öffnete den Brief. Weihnachten, ich kann das bis heute nicht vergessen. Weihnachten und ich erfuhr alles, wonach ich so sehr suchte. Die Adressen meiner Großeltern, meiner Tante Annchen, meiner Geschwister, Kyritz Kinderheim. Nun hatte ich diese Dokumente und jetzt stand fest, erst einmal Kontakt aufnehmen. Aber, wie schreibe ich, die Fehler, aber das war mir egal. Alle freuten sich mit mir, der Opa hat geweint und Aldonna. Es sprach sich herum, Nachbarn freuten sich mit mir. Also schrieb ich.

Rudi, inzwischen ein junger Offizier in Dresden, antwortete und schrieb, dass sie sich freuen, mich gefunden zu haben, aber ich solle jetzt Irmgard suchen. Wie sollte ich das machen? Wo sollte ich sie suchen? Sie war nirgendwo registriert. Das war für mich wie ein Schock. Im Frühjahr habe ich dann begonnen. Aber ich wusste nichts. Wie konnte ich sie finden? Schreiben kamen zurück, sie war nicht auffindbar. Man riet mir, mit dem Bus übers Land zu fahren. Als erstes beim Kolchosvorsitzenden, dann beim Lehrer und dann beim Pastor nachzufragen. Ich nahm meinen Urlaub und ich suchte und suchte. Niemand wusste etwas. Ich bin mit den Milchfrauen mitgefahren, aber immer ein „Nein.“ Ich wollte schon aufgeben, da ich jedes Wochenende unterwegs war. Ich hatte die Hoffnung verloren. Aldonna und die Nachbarn überredeten mich noch ein weiteres Mal. An diesem Samstag ging ich wieder von Hof zu Hof, zufällig den einen oder anderen Weg. Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann muss ich die Irmgard finden. Ich war überzeugt, dass sie noch lebte, aber würde ich sie finden?

Eine Frau saß spinnend vor ihrem kleinen Haus und sie sprach von einer Irtula, einem deutschen Mädchen beim Nachbarn, das durfte aber keiner wissen. Ich ging hin und ich erkannte sofort meine Schwester. Sie war auf dem Hof, aber wie sollte ich auf sie zugehen? Gott sei Dank hatte ich Fotos mit, die uns zeigten, die Einschulung u.ä. Ich ging auf sie zu und sie hat mich überhaupt nicht erkannt. Sie hat mich völlig ignoriert. Ich ging zu den Arbeitern und gab vor, von der russischen Behörde zu sein. Ich informierte sie darüber, dass dieses Mädchen gesucht wird. Diese Lüge musste sein, um Irmgard mitnehmen zu können. Aber, wie konnte ich Irmgard überzeugen? Sie war so misstrauisch, sie dachte ich sei vom KGB (sowjetischer Geheimdienst). Letztendlich erkannte sie mich an einer Narbe am Bein, aber vor allem aufgrund der Bilder. Sie sprang auf dem Hof herum und schrie:„Und sie sind doch nicht tot. Sie leben!“ Irmi kam dann auch nach Deutschland, aber mit vielen, vielen Schwierigkeiten, genauso wie bei mir. Da ich ja Sowjetbürgerin war, gab es viele bürokratische Hürden. Viele halfen mir und trotzdem dauerte es zwei Jahre bis zu meiner Ausreise. Es war ein wahnsinniger Aufwand.

Das Fahrgeld reichte bis Minsk, dann noch bis Frankfurt/Oder. Diese Fahrt durch Deutschland und nach Kyritz war wie ein Ankommen, aber richtig angekommen bin ich nirgends, nur in Wehlau. Dort, wo es schön und schlimm war. Im Kinderheim hatte ich ein schönes Zimmer und trotzdem hatte ich Heimweh nach Kaunas. Das muss man auch verstehen. Ich kannte nur diese Welt in Kaunas, diese Sprache, das Essen, diese Menschen. Diese russische Welt war mir vertraut. Was meine Welt hier in Kyritz war, das waren die Kinder, diese Waisenkinder. Ich bekam Eingewöhnungszeit, um vor allem auch die Sprache zu lernen. So übte man mit mir Diktate. Man stellte mich in den Klassen als Hospitantin vor, aber in Wirklichkeit habe ich mitgelernt.

Es war nicht leicht, so manches Mal habe ich es verflucht, aber ich wollte es unbedingt schaffen. Ab September war ich sogar zum Studium angemeldet, dass ich voller Stolz als Erzieher mit Lehrerbefähigung abschloss. Ich konnte vieles in der russischen Sprache besser erklären, als in Deutsch. Zu den Prüfungen hatte ich sogar einen Übersetzer als Mentor. Darum kann ich die Kinder heute so gut verstehen, die Sprache ist das Wichtigste überhaupt. Viele haben mir geholfen und ich habe viele gute Menschen kennengelernt.

Das mit dem Russisch ist geblieben und noch heute habe ich Kontakt. Was mich diese Jahre lehrten ist vor allem Selbständigkeit. Ich musste, ich musste Irmgard suchen. Die Geschwister und auch Enkelkinder haben Hochachtung und Respekt vor mir. Aber diese Zeit heute macht mich traurig, diese Schicksale erinnern mich sehr an meine Geschichte. Ich sage, wir müssen alles tun, dass es keinen Krieg mehr gibt. Diese Barbarei in Syrien, anders kann man es nicht nennen, muss aufhören. Warum nehmen unsere Nachbarländer wie Polen keine Flüchtlinge auf? Das sind doch auch Katholiken. Die Politik machen wir, das Volk, von unten nach oben. So sollte es zumindest sein.

Das Interview führten Elisabeth Diaz- Marquez und Dagmar Jurat.