Ursula Kroll geb. Giese
aus Stettin a. d. Oder /Hinterpommern(Polen)
Jahrgang 1936

Ursula Kroll Ich entstamme einer Arbeiterfamilie und hatte in Stettin fünf Geschwister. Da wir nicht reich waren, lebten wir im Hinterhaus, einer der schönen alten Jugendstilhäuser. Unsere Straße befand sich im Stadtteil Zülchow, der sich zu Bedow zählte. Hier in Bredow wurde ich am 29. März 1937 in der St. Matthäus-Kirche getauft. Meine Paten waren Anna Krieger und Margarete Ebert, geb. Engelbrecht.

Zu Ostern wurde ich eingeschult. Das war im März 1943. Aber im Frühjahr 1943 erlebte ich mit meiner Mutter und meinen beiden älteren Geschwistern die grausamsten Tage und Nächte meines Lebens. Mein Vater und meine beiden Geschwister waren schon zum Kriegsdienst eingezogen worden.
Am 21. April 1943 erlebten wir den ersten Fliegeralarm. Angloamerikanische Flieger warfen zahlreiche Bomben auf unsere Stadt. Nachts, noch schlaftrunken, angezogen und mit einem Rucksack ausgestattet, lief meine Mutter mit uns Kindern in den Luftschutzkeller. Wir hörten das Pfeifen der Bomben. Brennende Tannenbäume fielen vom Himmel, viele Häuser wurden getroffen. Im Luftschutzkeller vernahmen wir die Detonationen, die Erde bebte und bei Einschlägen ging das Licht ging oft aus. Wir Kinder weinten vor Angst. Es war so grausam. Vom Luftschutzwart erfuhren wir, dass unser Haus von einer Bombe getroffen worden war. Nach der Entwarnung wurden wir durch die brennende Straße zum Bahnhof in Stettin geführt. Wir hatten unser Hab und Gut, wir hatten alles verloren. Damit endete gleichzeitig mein Leben in Stettin.

Um nicht weiter den Bombenangriffen ausgesetzt zu sein, wurden wir mit dem Zug nach Pollnow, Kreis Schlawe evakuiert. Seit 1943 bis Januar 1945 erholten wir uns von den Schrecken der Ereignisse. Hier wurde ich auch das zweite Mal eingeschult. Hier in Pollnow wurde auch meine jüngste Schwester am 18. März 1944 geboren. Doch es sollte uns hier nicht lange beschieden sein, in Ruhe zu leben. Vom Osten kam erneut eine Bedrohung durch die russische Armee. Die Front rückte näher.

Im Januar 1945 ging meine Mutter mit uns vier Kindern, dass Baby im vollgepackten Kinderwagen, auf die Flucht. Bei ca. minus 20° Kälte und hohem Schnee zogen wir los. Mein älterer Bruder hatte den Kinderwagen auf einen Schlitten gebunden, damit es leichter durch den Schnee ging. Ein Sanitätszug, kommend aus Schlawe, nahm uns und einige Flüchtlinge mit.

Es war eine Horrorfahrt voller Hunger und Angst. Unser Baby bekam keine Milch und wurde krank. Nach langer Fahrt, bedroht durch russische Flieger, kamen wir nach neun Tagen in Stargard an. Hier verließen meine Mutter, das kranke Baby und mein Bruder den Zug, um weiter nach Pasewalk zu kommen. Dort sollte man dem Baby helfen. Meine ältere Schwester und ich blieben allein im Zug zurück. Wir sollten bis Stettin fahren. Schmutzig und verlaust erreichten wir nach Tagen die Stadt. Von Helferinnen der Deutschen Mission bekamen wir endlich etwas zu essen. Es war ungenießbar, aber wir hatten so großen Hunger, dass es uns egal war. Bis dahin bekamen wir nur ein paar Scheiben Kommisbrot und Malzkaffee. Es war ein Wunder, dass meine kleine Schwester nicht verhungerte.

Wie viele andere Flüchtlinge wurden wir beide dann in einen Zug Richtung Pasewalk gesetzt. Hier fanden wir alle wirklich wieder zusammen und fielen uns vor Freude in die Arme, weinten vor Freude und Erleichterung. Unsere Flucht war aber lange noch nicht zu Ende. Von Pasewalk wurden wir in Viehwaggons Richtung Neubrandenburg-Demin evakuiert. Es war grausam. Viele Flüchtlinge flohen vor dem Krieg. Hunger und Durst waren unsere ständigen Begleiter. In Utzedel Krs. Demin endete für unsere Familie die Fahrt. Es war ein Dorf in Mecklenburg. Wir wurden einem Bauern zugewiesen.

Willkommen waren wir nicht. Mit „Polacken“ wollte die Bauernfamilie nichts zu tun haben. Sie ließen es auch uns spüren. Sie hatten große Räumlichkeiten, überließen uns fünf aber nur den kleinsten Raum mit einem Bett und einem kleinen Schrank. Obwohl sie ein Bad hatten, mussten wir uns entweder am Brunnen oder in einer Schüssel waschen. Auch zu essen gaben sie uns nichts. Meine Mutter zauberte aus Brennnessel Spinat. Oft gingen wir vor Hunger stehlen z. B. Kartoffeln oder Eier. Da meine Schwester sehr krank und unterernährt war, gab uns die Bäuerin hin und wieder Milch. „Für Polacken habe ich nichts übrig“, war ihre Devise.

1946 erhielten wir ein Haus im Dorf. Endlich eine Zwei- Raum-Wohnung, schmutzig aber leerstehend. Jetzt waren wir endlich angekommen. Wir hatten nicht viel, aber wir waren froh, überlebt zu haben. Wir hatten keine Möbel, schliefen zuerst auf Stroh mit Decken auf dem nackten Fußboden. Nachts „besuchten“ uns Mäuse und Ratten. Erst als unser Vater aus der Kriegsgefangenschaft kam, baute er uns Betten, ging „Hamstern“ und sorgte dafür, dass es uns besser ging.

Erst später wurde mir bewusst, was unsere Mutter während der Flucht von 1943 – 1945/46 ertragen musste und geleistet hatte. Sie hatte so viel durchgemacht, dass sie mit uns Kindern nie wieder über unsere Flucht aus Stettin sprach. Für uns Kinder wurde die Flucht ein schwindendes Erlebnis. Hin und wieder erinnere ich mich durch Sirenengeheul und durch niedrig fliegende brummende Flugzeuge an die Bombardierung in Stettin und auf der Flucht. Weißgetünchte Kellerräume erinnern mich oft heute an die Luftschutzkeller.

Ich fühle mit unseren jetzigen Flüchtlingen, die vor Krieg und Terror fliehen, und wünschte, sie seien bei uns willkommen. Sie haben es viel schwerer und sie sollen endlich ankommen können.

Zu meiner früheren Heimat Stettin und Polen habe ich bisher viel Kontakt. Im Kreisverband der Vertriebenen (BdV) haben wir oft meine Heimatstadt besucht, lernten viele polnische Menschen, ihre Kultur und Traditionen kennen. Ich habe über meine Heimatstadt, sowie über meine Reisen nach Hinterpommern, Material gesammelt und in Ordnern festgehalten. Da wir während unserer Flucht alles verloren hatten, habe ich nicht einmal Fotos.

In vielen Gesprächen mit polnischen Menschen habe ich über meine Heimat gesprochen. Meine Heimatstadt Stettin wurde nach der Bombardierung nach und nach wieder aufgebaut. Die historischen Häuser, Gebäude, wie das Schloss der Herzöge Pommerns, die Kirchen wurden saniert, der alte Baustil erhalten. Wenn ich jung wäre, würde ich in mein Stettin ziehen, aber, wie heißt es doch, einen alten Baum verpflanzt mach nicht mehr.

Das Interview führte Elena Wiezorreck.